Drei Ichs sind auch ein Stilmittel

Ich erzähle Euch eine Geschichte. Ich erzähle von einem Mädchen, das in einer Straßenbahn sitzt und einem Mann hinterherweint, mit dem sie ohnehin nicht glücklich war. Ich beschreibe den Blick nach draußen, der die Heide erfasst, die Schauburg und später die Bauten am Kristallpalast, und ich setze das in Relation zur Trostlosigkeit meiner Figur. Bis zum versöhnlichen Ende. Diese Figur bin ich – oder nicht?

Seit ich Texte schreibe, schreibe ich aus der Ich-Perspektive, abgesehen von wenigen Ausnahmen. Es ist eine Sicht, in die ich mich am besten fallen lassen kann. Mit der ich am besten arbeite, weil ich die größte Nähe herstellen kann, selbst wenn die Gefühle der Figur von meinen abweichen. Es ist, als würde ich einen Mantel anziehen, der, obwohl er nicht meinem Geschmack entspricht, perfekt passt und in dem ich mich gut bewegen kann.

Meinen Zuhörern macht das jedoch manchmal Probleme. Denen anderer Autoren auch. Denn es ist ein zwiespältiges Gefühl zu wissen, dass der Autor, den man so gut zu kennen glaubt, so viel von sich erzählt. Dass man durch ein Schlüsselloch guckt und Dinge sieht, die man ablehnt oder so gut nachvollziehen kann, dass man Angst hat, dass sie wahr sind. Dass man nicht mehr weiß, ob man den Autor in den Arm nehmen darf oder ob alles eine „Lüge“ ist.

Dass wir so nah an der Realität unserer Leser schreiben, ist unserer Kapital, aber auch unser wunder Punkt. Wenn Leser sich gut mit den Ansichten des Ich-Erzählers identifizieren können, bauen sie Sympathie auf. Sie kaufen Bücher, sie verteidigen ihre Lieblings-Autoren, sie vertrauen ihnen. Wenn die Ansichten verwirren oder Ablehnung hervorrufen, fällt das nicht nur auf den Erzähler bzw. die Figur zurück, sondern auch auf den Autor. Kritik kann mürbe machen, egal, wie gut man sich von seiner Figur innerlich distanziert.

Bei mir hat sich das Schreiben aus der Ich-Perspektive langsam entwickelt. Als Teenager fand ich es einfach cool, über meine Probleme zu schreiben, denn machten das nicht alle Stars so? Später schrieb ich Fanfictions, bei denen man Figuren als Vorlage hat, in die man schlüpfen kann. Und irgendwann vermischte sich das Erschaffen fremder Geschichten mit meinem eigenen Tonfall. Ich kann mich bis heute nicht überwinden, zu viel Persönliches in einen Text zu schreiben. Genauso wie ich mich nicht überwinden kann, über Dinge zu schreiben, die ich nicht kenne. Oder Figuren Grenzen übertreten zu lassen, die meiner Moral komplett widersprechen.

Wenn ich mit meinen Gefühlen arbeite, verändern sie sich in dem Moment, in dem sie auf das Papier fließen. Aber auch meine Erinnerung verändert sich. Es gibt Bruchstücke, bei denen ich irgendwann nicht mehr weiß, ob ich sie erlebt oder nur darüber geschrieben habe. Daher mische ich in meine Texte immer Details, die nichts mit mir zu tun haben – eine optische Besonderheit, ein Charakterzug, einen Kontotstand. Ähnlich wie in Nolans „Inception“ ist das das Zeichen dafür, dass es fiktiv ist. Allerdings verändert sich auch mein Blickwinkel auf ein Erlebnis, wenn ich darüber schreibe. Die Privatperson in mir rennt manchmal mit Scheuklappen durch die Welt, verkriecht sich in ihrem Kummer und wirft Knallfrösche auf Menschen, die ihr wehtun. Die Autorin geht einen Schritt zurück, um das Erlebnis herum und stellt Fragen. Dann sucht sie sich passende Puzzleteile heraus und fügt sie zusammen. Die Autorin erschafft Welten, legt Grenzen fest, baut den Spielplatz, auf dem sich später die Figur bewegen wird. Sie legt auch die berühmte Fallhöhe fest, mit der die Figur auf den Boden knallen wird. Die Autorin bestimmt den Tonfall, misst die richtige Menge Gags für den Text ab und mischt sie unter. Sie ist auch ein bisschen berechnend – sie versucht zu erahnen, was den Lesern gefällt. Und dann schickt sie die Figur los. Die Figur ist treu und handelt, wie man es ihr aufgetragen hat. Sie ist das Kind, das stolpern, Fehler machen, laut sein kann.

Aber da auf jede Kraft eine Gegenkraft wirkt, lässt auch die Figur die Privatperson erkennen, welcher Humor in dunklen Löchern stecken kann. Und wie absurd die Realität sein kann, wenn man sie fiktiv auseinandernimmt. Es bedeutet aber auch, dass Figur, Autorin und Privatperson niemals klar zu trennen sind – auch für mich nicht. Wenn die Figur Kritik bekommt, wer ist dann schuld? Hat die Autorin das Rezept falsch konstruiert? Hat sie die Rädchen nicht richtig zusammengefügt? Dinge kombiniert, die man nicht kombinieren kann? Hat die Privatperson „falsch“ gefühlt, nicht „richtig“ erlebt oder ist sie einfach „dumm“? Oder hat die Figur vermeintlich richtig gehandelt, aber es löst beim Leser Unwohlsein aus?

Egal, wie man es dreht und wendet: Meine Texte sind nicht ich. Sie sind eine Facette, sie sind ein Verarbeiten, aber sie sind fiktiv – und das macht sie für mich befreiend. Das gibt mir die Möglichkeit, Dinge auszuprobieren, mich zu entdecken, aber auch Distanz zu schaffen. Es gibt Texte, an deren Ende ich sagen kann: Jetzt ist das Thema durch, jetzt weiß es die Welt, jetzt ist es ok. Es gibt aber auch Texte, die wie ein Mahnmal auf meinem Computer liegen und mich erkennen lassen, wie wertvoll mir manche Menschen und Ereignisse sind. Oder fluffige Liebesgedichte, die mich daran erinnern, wie gut es sein kann, sich für zwei Stunden in ein Lied zu verlieben und in den Mann, mit dem man dazu getanzt hat. Meine Texte verschlüsseln meine Realität oder sie verändern sie so stark, dass sie nur am selben Punkt starten. Aber sie sind ein Abbild. Und ein eigenständiges Werk. Nur das zählt. Die Privatperson und der Autor treten zurück hinter der Figur.

Text: Vivian Herzog

Foto: Amac Garbe

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