Einmal nicht einsam sein

Corona ist nicht schuld. Corona ist nicht schuld daran, dass wir jetzt hier sitzen, ich auf meinem Balkon und sie am anderen Ende der Stadt. Dass wir dasitzen und zwischen uns Informations-Bits hin- und herfliegen, und dass das Gespräch irgendwann kippt von „Bringst du mir morgen die Backform vorbei?“ in emotionalere Gefilde. Dass sie irgendwann sagt: „Also, eigentlich bin ich ziemlich einsam …“ Und mein erster Gedanke ist: „Aber du bist doch grade mit mir zusammen!“ Bevor mir die Ironie bewusst wird. Bis sich die Zahnräder ineinanderfügen und ich mich frage, wie ausgerechnet IHR das passieren kann. Dem Strahlemensch, den ich als klug und kommunikativ wahrnehme; als eine Freundin, auf die ich mich verlasse und nicht anders als strebsam kenne. Jemand, der für jedes Problem nicht weniger als eine Lösung hat. Nur dafür nicht.

Ich kenne viele solcher Geschichten, doch ich habe das Rätsel noch nicht entschlüsselt. Warum manche Menschen ständig von anderen umgeben sind. Warum sie es schaffen, auf einer Party mit Unbekannten sofort Kontakte zu knüpfen. Und zu halten. Es gibt diese Menschen, die in einen Raum kommen und jeder guckt auf sie. Nicht, weil ihnen ein Stück Klopapier aus der Hose hängt, sondern weil sie anderen nur durch ihre Ausstrahlung Zufriedenheit vermitteln. Oder ist das nur ein Trugbild?

Einsamkeit fühlt sich leer an. Manchmal traurig, manchmal dumpf. Und manchmal fühlt man sie gar nicht. Es ist das Bewusstsein, dass all die Gedanken, Gefühle, Facetten mit einem Schild am Flughafen stehen und warten, dass man sie abholt. Dass es keinen gibt, der sie ans Tageslicht holt. Wie LED-Lichter, die in den Abendhimmel blinken. Einsamkeit lässt einen die eigenen Stärken vergessen, weil sie austrocknen wie ein Fluss im Hochsommer.

Einsamkeit macht abhängig. Von Veranstaltungen, von Personen. Der Shutdown hat das, was schon vorher kaum da war, zum Erliegen gebracht – es gab keine Orte, an denen man sich begegnen konnte. Seminare, bei denen man so oft nebeneinander gesessen hat, dass sich ein zarter Kontakt entwickelt hat. Konzerte, bei denen man im Tanz eine gemeinsame Sprache fand. Kinosäle, in denen man zu den gleichen Gags gelacht oder geweint hat. Auch jetzt ist es schwer, ein Gespräch zu beginnen, wenn man wegen der Maske dreimal nachfragen muss.

Einsamkeit macht aber auch abhängig von Personen. Wenn man einmal glaubt, jemanden gefunden zu haben, der einen versteht, dann erträgt man vieles. Dass er sich selten meldet. Dass seine Witze nicht lustig sind. Dass sich der andere nur wenig für einen interessiert. Dass man sich langsam auseinanderentwickelt, weil das Leben weitergeht. Man fängt an, eine Tabelle zu erstellen, seine Freunde und Interessen in Spalten einzutragen, dahinter ihre Wichtigkeit. Man markiert, wer verzichtbar wäre und wo man sich selbst einordnen will. Und dann fragt man sich, ob gleich Inspektor Columbo vor der Tür steht und noch eine Frage zu der Leiche hat, die im Treppenhaus liegt und deren Zeigefinger auf die eigene Wohnungstür weist.

Einsamkeit zu bekämpfen, das ist schwer. Zu oft bekommt man zu hören: „Geh doch einfach raus!“ Aber so einfach ist das nicht. Wenn man es sich in seiner Sicherheitszone gemütlich gemacht hat, dann ist jeder Gang zu einer neuen Veranstaltung ein Risiko. Gefällt es mir da? Finde ich Anschluss? Sind die Getränke gut? Was mache ich, wenn ich nach zehn Minuten allein in einer Ecke stehe? Was ist, wenn ich versuche, mit anderen zu reden, aber keiner darauf eingeht? Und überhaupt: Was sind denn meine Interessen? Welche kenne ich noch nicht? Was ist, wenn ich am Ende Bilanz ziehe und feststelle, dass sich der Abend nicht gelohnt hat – die Zeit, das Geld, die Mühen? Es ist einfach, einem einzelnen Erlebnis eine zu hohe Gewichtung zu geben, nur noch den kleinen Fleck zu sehen, anstatt der positiven Erlebnisse. Mit „Mut“ allein ist es nicht getan, das setzt nur unter Druck. Wenn ich merke, dass ich in diesen Kreis gerate, frage ich mich hingegen, was die bessere Option ist: Ob ich rausgehe und es probiere. Oder ob ich den Abend mit mir selbst verbringe, aber bewusst etwas tue, das mich glücklich macht.gr Die einzige Option, die nicht zählt: Grübeln.

Die zweite Schwierigkeit ist das Kontakthalten. Film und Fernsehen zeigen uns, dass alles zum Happy End führt, wenn man nur den richtigen Satz im richtigen Moment sagt. Fehler gibt es nicht. Eine frühe Sex-and-the-City-Folge greift das auf: Ein Mann und eine Frau haben sich auf einer Party kennengelernt und werden später befragt. Einer hat drei Tage auf den Anruf gewartet, weil man das so machen würde. Der andere fühlte sich zurückgestellt und konterte mit einer anderen angeblichen Regel. Letztlich hat nur die vermeintliche gesellschaftliche Richtlinie zu einem Missverständnis geführt.

Die Realität ist: Wir haben Schiss. Wann melde ich mich? Wie viel sage ich? Welche Themen schneide ich an? Wenn trete ich jemandem zu nahe? Hat jemand wirklich keine Zeit oder eher keine Lust? Mag er mich als Mensch nicht? Ich glaube, wir können das lösen, indem wir offener über unsere Gefühle reden. Dem anderen sagen, wenn man sich freut oder eben nicht. Statt einem Tanz auf dem Drahtseil sollten wir das Gespräch zu einer entspannten Wanderung machen – mit Stolpersteinen, die man gemeinsam bewältigt. Und natürlich kann es sein, dass man ignoriert wird. Es kann aber auch sein, dass der andere zu schüchtern ist, um zu antworten.

Manchmal wünschte ich, Kommunikation würde sich von den Erwartungen lösen und Freunde finden wäre wie eine amerikanische Dating-Show: Es gibt eine unendliche Zahl von Kandidaten und man kann die rauswählen, mit denen man nicht klarkommt. Dann bleiben die übrig, die man näher kennenlernt. Und wenn man sich später entfremdet hat, kommen schon die nächsten Kandidaten.

Richtiger wäre: Wir sollten uns umeinander kümmern. Anstatt zu denken, sollten wir auf die Menschen zugehen, die uns wichtig sind. Wir sollten uns nicht von dem blenden lassen, was sie uns glauben machen wollen, sondern lieber nachfragen, ob sie Unterstützung brauchen. Das Leben ist kein Ponyhof, aber es ist auch keine Arena, in der wir täglich um Leben oder Tod kämpfen.

Die Situation am Anfang habe ich tatsächlich gelöst: Ich habe sie zu einer Grillparty von Freunden eingeladen. Um ihr das Gefühl zu geben, dass ich für sie da bin. Und auch wenn sie sich noch nicht bereit fühlte mitzukommen, werde ich auf sie aufpassen, bis sie sich gut fühlt. Wenn sie das möchte.

Text: Vivian Herzog

Foto: Amac Garbe

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