Streaming-Tipps für die Kinopause

Nachdem in den vergangenen beiden Monaten bundesweit alle Kinos geschlossen bleiben mussten, erscheint mit der Wiedereröffnung einiger weniger Lichtspielhäuser ein Silberstreif am Horizont für alle Cineast*innen auf Leinwandentzug. Wer sich jetzt auf neue Filmstarts freut, muss sich allerdings noch gedulden. Aufgrund der gestaffelten Lockerung in den verschiedenen Bundesländern wird es noch einige Wochen dauern, bis Kinos wieder bundesweit öffnen können, und daher warten die meisten Filmverleihe derzeit noch ab, bevor sie ihre neuen Kinofilme an den Start bringen.

Wenn derzeit sowieso noch nichts Neues im Kino läuft, ist das für alle Freund*innen der Filmkunst eine astreine Gelegenheit, einige Perlen der vergangenen Jahre nachzuholen. Aus diesem Grund hat das Team des Kino im Kasten ein paar ihrer liebsten Filmempfehlungen zusammengetragen, welche derzeit alle auf einschlägigen Streaming-Plattformen anschaubar sind.

„Blindspotting“

Mit „Blindspotting“ fand damals einer der eindrücklichsten Filme des Kinojahres 2018 leider nicht seinen Weg in die deutschen Lichtspielhäuser. Mittlerweile kann man die Tragikomödie von Carlos López Estrada aber glücklicherweise streamen, da er im April ins Angebot des deutschen Amazon Prime aufgenommen wurde.

Der Film handelt von Collin (Daveed Diggs), welcher auf Bewährung aus dem Gefängnis entlassen wurde und zusammen mit seinem Freund Miles (Rafael Casal) in Oakland als Möbelpacker arbeitet. Kurz vor dem Ende seiner Bewährungszeit wird Collin in einen folgenschweren Zwischenfall verwickelt. An einer roten Ampel sieht er, wie ein weißer Polizist einen Afroamerikaner niederschießt. Da der Zeitpunkt des Gewaltaktes außerhalb seiner Ausgangszeit lag, entscheidet er sich, den Vorfall nicht zu melden. Als Miles, aufgewühlt durch die fortschreitende Gentrifizierung seiner Heimatstadt, zunehmend unberechenbar handelt und eine illegale Schusswaffe erwirbt, droht die Freundschaft zwischen ihm und Collin zu zerbrechen.

Rassistisch motivierte Polizeigewalt wurde in den vergangenen Jahren in zahlreichen Filmen thematisiert, jedoch selten so frisch und aufregend wie hier. Anders als ähnlich geartete Filme reichert „Blindspotting“ seine Story in Form einer Tragikomödie mit Humor und sympathischen Charakteren an. Dank der stilsicheren Inszenierung des Spielfilmdebütanten Estrada und des intelligenten Drehbuches (verfasst von den Hauptdarstellern Diggs und Casal) meistert der Film diesen heiklen Balanceakt erfolgreich. Er behandelt Themen wie systemischen Rassismus, Polizeigewalt und Gentrifizierung anschaulich und eindrücklich. Ein Film, der nicht nur hervorragend unterhält, sondern einen auch nach dem Abspann noch beschäftigt. Selten war Sozialkritik so mitreißend!

Leider gibt es im kostenlosen Streaming-Angebot von Amazon Prime nur die deutschsprachige Synchronfassung des Films, welche aber dank passender Sprecher*innen gut gelungen ist. Die emotional aufgeladenen Rap-Szenen wurden im untertitelten Originalton belassen. O-Ton-Purist*innen können die OmU-Fassung des Films (die als separater Film gelistet ist) für 4,99 Euro leihen.

Text: Lukas Stracke

Titelfoto: Möbelpackerkollegen und beste Freunde: Miles (Rafael Casal) und Collin (Daveed Diggs) © Lionsgate

„Burning“

In den vergangenen Jahren hat sich das koreanische Kino ein außergewöhnliches Standing erarbeitet, welches mit dem oscarprämierten „Parasite“ seinen bisherigen Höhepunkt erreicht hat. Bereits ein Jahr zuvor erschien ein Wegbereiterfilm namens „Burning“, der ebenfalls die soziale Ungleichheit der koreanischen Gesellschaft thematisiert, allerdings auf eine wundervoll ruhige und subtile Erzählart.

Der Protagonist Jong-su (Yoo Ah-in) trifft zufällig auf die alte Schulkameradin Hae-mi (Jun Jong-seo) und sie verbringen eine gemeinsame Nacht. Bevor eine richtige Beziehung daraus entstehen kann, tritt sie eine lange geplante Selbstfindungsreise in Afrika an. Beim erwartungsvollen Wiedersehen am Flughafen ist Hae-mi jedoch nicht alleine, sondern bringt den wohlhabenden und mysteriösen Ben (Steven Yeun) mit. Dieser Neureiche aus Gangnam besitzt ein seltsames Hobby, welches den Titel des Films mit alten Gewächshäusern zusammenbringt. Was zunächst nach dem klassischen Dreiecksbeziehungsfilm klingt, entwickelt sich über soghafte 148 Minuten in unerwartete (Genre-)Richtungen, welche an dieser Stelle offengelassen seien.

„Burning“ (2018) von Regisseur Lee Chang-dong ist momentan auf Koreanisch (und Deutsch) über Amazon Prime verfügbar sowie bei Google Play und iTunes ausleih- bzw. kaufbar.

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Jong-su, Hae-mi und Ben schauen sich gemeinsam den Sonnenuntergang an.
© Capelight Pictures

Text: Oliver Effland

„Dancer in the Dark“

„Dancer in the Dark“ ist der Titel von Lars von Triers bedrückendem Drama aus dem Jahr 2000. Es spielt in den 1960er-Jahren und handelt von der tschechischen Einwanderin Selma. Sie zog in die USA, um hier durch eine teure Operation bei ihrem Sohn das zu verhindern, was bei ihr durch eine erblich erworbene Krankheit längst eingesetzt hat: Sie erblindet. Dieser Prozess wird den Zuschauer*innen auf erdrückende Weise nähergebracht. Ebenso ist ein Kernbestandteil der Geschichte, wie Selma alles gibt, um das Geld für die Augenoperation für ihren Sohn zusammenzubekommen. Viel mehr soll zur Geschichte nicht gesagt sein, da sie durch die eine oder andere Wendung bis zum Ende fesselt und die Zuschauer*innen emotional an ihren Verlauf bindet.

Emotionalität ist das Stichwort, was wohl am meisten an dem Film überrascht. Nach der letzten Szene starrt man noch immer entsetzt und mit Tränen getränkten Augen auf die Credits und braucht einige Minuten, um sich zu sammeln. Das ist wahrlich nichts für schwache Nerven! Aber auch für die Cineast*innen und künstlerischen Analytiker*innen sollten viele Elemente dabei sein, welche gefallen dürften. Ein wichtiger Teil der Geschichte ist Selmas Liebe zur Musik. So zerlegt Lars von Trier die klassische Musicalkultur der 50er- und 60er-Jahre innerhalb seines dänischen Dogma-Films, in dem immer wieder surreale Sequenzen eingebaut werden, welche zugegebenermaßen nicht unbedingt für jeden zugänglich sind und recht experimentell gestaltet wurden. Er bezieht auch clevere Dialoge um diese Thematik herum mit ein.

In der Amazon-Prime-Mitgliedschaft ist die deutschsprachige Version des Films enthalten. Wer die Originalsprache bevorzugt, muss sich hier den Film leider für 2,99 Euro in SD-Qualität und für 3,99 Euro in HD-Qualität leihen, doch es lohnt sich allemal.

Zusätzlich sei darauf hingewiesen: Man kann nicht über diesen Film schreiben, ohne die Kontroverse anzusprechen, welche ausgelöst wurde, als die Hauptdarstellerin und Komponistin des Films Björk einem „dänischen Filmemacher“ sexuelle Belästigung vorgeworfen hat. Dennoch sei der Film aufgrund seines künstlerischen Wertes jedem sehr ans Herz gelegt. Doch wer sich zuvor mit dieser Thematik näher auseinandersetzen möchte, sei dazu natürlich eingeladen.

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Die großartige Hauptdarstellerin und Musikerin Björk.
© 2000 New Line Cinema

Text: Leopold Schimmank

„Shut Up and Play the Hits“

Am 2. April 2011 fand das vermeintlich letzte Konzert der Band LCD SOUNDSYSTEM im berühmten New Yorker Madison Square Garden statt. Nach drei Studioalben beschloss der damals 41-jährige Sänger und Gründer der Band James Murphy, auf dem Höhepunkt seiner Karriere auszusteigen. Nach einer ausführlichen Abschlusstour zelebriert die Gruppe in einem vierstündigen Konzert voller Ekstase, Schweiß und Melancholie ihren großen Abgang. Die im darauffolgenden Jahr erschienene Dokumentation „Shut Up and Play the Hits“ zeigt die letzten 48 Stunden der Band.

Neben erstklassigen Konzertmitschnitten von „All My Friends“, „Someone Great“ oder „Losing My Edge“, welche den Zuschauenden keine Sekunde zur Ruhe kommen lassen, gibt die Dokumentation Einblicke in die Gefühlswelt von James Murphy und dessen Beziehung zu seinem Projekt LCD SOUNDSYSTEM. Der Wechsel zwischen den ruhigen Bildern des belebten New Yorks und der euphorischen Stimmung des Konzerts gehen fließend ineinander über und bestärken das Gefühl eines großartigen Abschieds. Zwar konnte zu dem Zeitpunkt noch keiner ahnen, dass bereits einige Jahre später LCD SOUNDSYSTEM mit ihrem Album „American Dream“ wieder im Rampenlicht stehen würden und erneut die Musiklandschaft mit ihrem Dance Punk aufmischen. Nichtsdestotrotz lohnt sich ein Blick in die Musikdokumentation unter der Regie von Will Lovelace und Dylan Southern allemal.

Der nur in OmU vorhandene Film lässt sich über die Plattformen MUBI und realeyz streamen und ist sowohl bei iTunes als auch bei Videobuster ausleihbar. Zudem sind alle Alben von LCD SOUNDSYSTEM auf YouTube und bei allen gängigen Musik-Streamingdiensten vorhanden.

https://blog.kino-im-kasten.de/content/images/2020/05/ShutUp-and-Play-the-Hits.jpg
„Time to Get Away“
© Neue Visionen Filmverleih

Text: Philipp Hechtfisch

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