Dokus in Leipzig (über Dresden)

Weltspiegel. Nicht von ungefähr heißen Kinos in Cottbus und Finsterwalde so. Spiegeln Filme, vor allem solche aus dem dokumentarischen Metier, doch die Geschehnisse auf Erden. So auch beim 62. Internationalen Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm, kurz DOK Leipzig. Das brachte Ende Oktober bis Anfang November rund 300 Filme in Leipziger Kinos, darunter neben langen Dokumentar- auch kurze Animationsfilme. Eine Nachlese.

In sieben Tagen um die Welt. Dabei liegen zwischen den verschiedenen Spielstätten höchstens fünf bis sechs Kilometer. In der Kategorie Spätlese etwa – die Filme haben allesamt schon selbst eine kleine Weltreise hinter sich – ging Dina Nasers „Tiny Souls“ an den Start. Mehrere Jahre lang hat sie eine syrische Familie im jordanischen Flüchtlingscamp Zaatari begleitet und dabei besonders Marwa in den Blick genommen, die in dieser Zeit vom Mädchen zur jungen Frau heranwächst. In der Zeit, in der Naser nicht ins Camp darf, drückt sie den Kindern eine alte Kamera in die Hand, wodurch besonders intime Aufnahmen entstehen. Dass die Regisseurin neben der eigenen Stimme aus dem Off nur die Kinder zu Wort kommen lässt, das ist besonders erfrischend und aufrüttelnd zugleich.

Ebenfalls spät, aber gerade noch rechtzeitig vor dem deutschen Kinostart am 21. November lief der Film „Honeyland“ in ebenjener Programmreihe. Die beiden nordmazedonischen Filmemacher*innen Tamara Kotevska und Ljubomir Stefanov begleiten das abgeschiedene Leben von Hatidze, die in einem ausgestorbenen Dorf nicht nur ihre bettlägerige Mutter, sondern auch einen Schwarm von Bienen pflegt – bis eine nomadische Familie in die Idylle einfällt und sowohl zahlreiches Rindvieh mit sich bringt als auch den Honig-Reibach wittert.

Während diese Geschichten vom Kleinen aufs Große schließen, nimmt sich Marcus Vetter gleich das große Ganze vor. Anhand des jährlichen Weltwirtschaftsforums im schweizerischen Davos klagt er weltumspannende Verstrickungen in Sachen Politik und Wirtschaft an, bis einem schlecht wird. Spannend inszeniert, blieb der Eröffnungsfilm „Das Forum“ als Teil des Internationalen Wettbewerbs langer Dokumentar- und Animationsfilm allerdings ohne Preis. Die Goldene Taube sowie zwei weitere Preise gewann hingegen „Exemplary Behaviour“ von Audrius Mickevičius und Nerijus Milerius, wobei ersterer vor der Fertigstellung des Films verstarb. Dabei ist es seine persönliche Geschichte, denn Jahre zuvor hatte er seinen Bruder durch einen Mord verloren, der Täter kam aber wegen guter Führung nach fünf Jahren wieder frei. Mit dem Film stellt er quasi posthum die Frage, ob Mord gesühnt werden kann.

Über die Goldene Taube im Deutschen Wettbewerb der Langfilme sowie den Ver.di-Preis für Solidarität, Menschlichkeit und Fairness konnte sich hingegen die Berliner Regisseurin Ute Adamczewski freuen. Mit „Zustand und Gelände“ rückt sie ganz nah ran an uns, denn es geht um Sachsen. Während sie verlassene Gebäude und leer gefegte Straßen in den Blick nimmt, trägt eine Sprecherin Dokumente aus der Zeit unmittelbar nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 vor. Was zunächst stoisch wirkt, wird mit jeder gelesenen Zeile beklemmender. Und spätestens, als der Schumann-Bau der TU Dresden als ehemaliges Sächsisches Landesgericht und Ort zahlreicher Hinrichtungen ins Blick rückt, fällt das Schlucken schwer. Manchmal blickt die Welt eben auch auf Sachsen.

Text: Nadine Faust

Zum Foto: Blick auf Dresden mit dem markanten Schumann-Bau, ehemals das Sächsische Landesgericht.

Foto: Amac Garbe

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