Campuskolumne

Es ist 18.30 Uhr. Vor einer halben Stunde bin ich nach Hause gekommen, jetzt kurz etwas essen, dann weiter. Innerhalb von einer Stunde verwandle ich mich vom Bürobienchen zur Kleinkunstbühnen-Aktivistin. Anstatt Kundenanfragen beantworte ich jetzt Fragen von Künstlern, schieße Bilder und bin einfach da. Im Büro werde ich bezahlt, die vier Stunden Arbeit danach sind mein Ehrenamt. Ich mache das gern, ich mache das regelmäßig, ein Dankeschön von unseren Künstlern ist mir viel wert. Und dann flatterte kürzlich der Brief vom Freistaat mit der Sächsischen Ehrenamtskarte ins Haus – und mit ihm die eher spärlichen Belohnungen für Ehrenamtliche im Kreis Dresden. Aber: Darf man für etwas belohnt werden, das man völlig uneigennützig und für die Gemeinschaft tut?

Der Begriff „Ehrenamt“ ist fließend – während Wahlhelfer, Schöffen, Gemeinderatsmitglieder u. a. offiziell ehrenamtlich tätig sind, variiert das Spektrum, wenn es um den Bereich Freizeit geht. Jemand, der sich in Gruppen engagiert, Texte Korrektur liest oder schreibt – wie wir – ist ehrenamtlich tätig, ohne dieses Etikett zu tragen. Auch die Formen sind unterschiedlich: Freiwillige Feuerwehr, Theater, Essensausgabe – es gibt viele Dinge zu tun und viele Menschen, die sie übernehmen. Ähnlich die Motive: Ich kenne keinen, der nur etwas für die Gemeinschaft tut, damit er im Lebenslauf sozial engagiert wirkt und zeigen kann, dass er mit Menschen umgehen kann. Oft erlebe ich, dass es um Weiterentwicklung geht – im Ehrenamt bekommt man die Chance, sich auszuprobieren, aber mit Sicherheitsnetz. Denn wenn es schiefgeht, kann man sagen, dass man „nur“ Laie ist. Ich habe mich im Laufe der Jahre mit Bildbearbeitung und Texten beschäftigt, aber auch gelernt, dass ich eine Selbsthilfegruppe führen kann. Ehrenamt bedeutet auch einen Ausgleich zum Alltag – weg vom Arbeit-Geld-Bezug, hin zu guten Taten und einem Danke.

Aber auch die Welt des Ehrenamts ist keine rosa-rote Wolke aus Einhornfell. Denn je tiefer man sich in Themen einarbeitet, desto deutlicher werden die Grenzen. Anträge stellen, die Gruppendynamik aufrechterhalten und spüren, dass manche Dinge tatsächlich nicht mit Luft und Liebe, sondern mit Geld umsetzbar sind. Ich kenne Ehrenamtliche, die sich entscheiden mussten, ob sie abends für die Kunst arbeiten oder für Geld ihrem Nebenjob nachgehen. Und die Medaille „Ehrenamtlicher“ kann sich schnell ins Gegenteil drehen, weil einem weniger zugetraut wird, weil man es nie „richtig“ für Geld getan hat.

Etwas für die Gemeinschaft zu tun, das hat viele Seiten. Und über allem stehen Menschen, denen es ohne dieses Engagement schlechter gehen würde. Trotzdem stellt sich die Frage, inwieweit Staat und Kommunen das würdigen. Schon seit Jahren gibt es Ehrenamtskarten in ganz Deutschland, die Rabatte gewähren. Von der Landeshauptstadt Dresden gibt es den Ehrenamtspass in Kooperation mit der Bürgerstiftung, für den man nominiert wird, und es gibt kostengünstige Weiterbildungen an der Volkshochschule. Vom Freistaat ausgegeben wird die Sächsische Ehrenamtskarte, die in Kooperation mit den Kommunen verschiedene
Ermäßigungen ermöglicht. Im Kreis Dresden sind das u. a. Tickets für das Staatsschauspiel und die Semperoper, die man vergünstigt bekommen kann. Doch ausgerechnet bei den Staatlichen Kunstsammlungen beißt sich die Katze in den Schwanz – denn es gibt ermäßigten Eintritt. Wochentags. Die meisten Museen öffnen nur bis 18 Uhr. Geht man vom klassischen 9-to-5-Job aus, kann man nach Arbeitsende kurz durchs Museum flitzen und sich danach bei einem Glas Limo online angucken, was man verpasst hat. Mit den Vergünstigungen soll honoriert werden, was Ehrenamtliche leisten. Aber was nützt eine Ermäßigung, wenn ich sie nur dann in Anspruch nehmen könnte, wenn ich gerade meinem Brotjob nachgehe? Für einen Bereich, der mir sehr wichtig ist und den ich nach außen trage?

Natürlich kann ich mir die Karte auch selbst kaufen, denn ähnlich wie die Mehrzahl der ehrenamtlich Tätigen habe ich einen Job. Aber die Frage bleibt: Wie kann man Ehrenamt (im-)materiell würdigen?

Schlussanekdote: Die beste Würdigung habe ich erfahren, als ich dank zwölf Jahren Wahlhilfe bei Häppchen, Wein und tollen Gesprächspartnern in einer Vorstellung der Philharmonie sitzen und Opernauszügen lauschen durfte.

Text: Vivian Herzog

Foto: Amac Garbe

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