Campuskolumne

Schweinchen aus der Box greifen, Messer ansetzen, Hoden abschneiden, fertig. Nächstes Schweinchen. Das ist Alltag in deutschen Ställen. Jedes Jahr werden hier Millionen von Ebern wenige Tage nach der Geburt ohne Betäubung kastriert. Der Grund: Die Tiere können einen sogenannten „Ebergeruch“ entwickeln, der das Fleisch in der Pfanne stinken lässt – so sehr, dass auch dem härtesten Fleischfresser der Appetit vergeht. Das betrifft, wohlgemerkt, fünf bis zehn Prozent der Tiere.

Eigentlich hat die Große Koalition das Ende dieser brachialen Kastrationsmethode schon 2013 beschlossen. Fünf Jahre bekamen die Ferkelhalter, um ihre Betriebe umzustellen. Fünf Jahre, die jetzt vorbei sind. Ab 1. Januar 2019 sollte das Verbot greifen – doch daraus wird nichts. Die Bundesregierung hat vor wenigen Tagen einen Gesetzentwurf beschlossen, der die Übergangsfrist um weitere zwei Jahre verlängert. Der Grund für das „Weiter so!“ im Schweinestall: Die Alternativen sind laut Regierung weder praktikabel noch wirtschaftlich. Ein Verbot würde die Fleischpreise in die Höhe und gerade kleinere Betriebe in den Ruin treiben.

Dieses Argument freilich ist hanebüchen: Es gibt längst Alternativen. Man könnte die Eber impfen – und so die Produktion von Sexualhormonen unterdrücken, die den Stoff bilden. Man könnte an der DNA der Tiere ablesen, ob sie den Geruch entwickeln werden – und nur mit „geruchsfreien“ Ebern züchten. Sogar von einer „humansensorischen Beurteilung“ ist die Rede, bei der eigens ausgebildete Prüfer stinkendes Fleisch nach der Schlachtung aussortieren. Einen anderen Weg geht seit einigen Monaten Dänemark: Die Bauern dürfen die Ferkel selbst örtlich betäuben, um sie schmerzfrei zu kastrieren. Ihre deutschen Kollegen müssten jedes Mal den Tierarzt holen (und bezahlen).

Nur hat in den vergangenen fünf Jahren niemand einen Finger krummgemacht, um Gesetze zu ändern oder alternative Methoden massentauglich – und damit wirtschaftlich – zu gestalten. Entlarvend ist ein Statement der Arbeitsgemeinschaft für bäuerliche Landwirtschaft: Man habe fest mit einer Verlängerung der Frist gerechnet. Unklar, warum jetzt in zwei Jahren klappen soll, wofür fünf nicht gereicht haben. An der Macht der Bauernverbände wird sich ebenso wenig etwas ändern wie am Wunsch der Verbraucher nach billigem Fleisch.

Das sind düstere Aussichten. Wenn schon ein vergleichsweise kleiner Schritt unmöglich scheint, wie soll sich dann an den Verhältnissen im Schweinestall wirklich etwas ändern? Man muss sich klarmachen, worüber wir eigentlich reden: über einen kleinen Teil eines viel zu kurzen Schweinelebens. Wir reden nicht über winzige Ställe, Neonlicht, abgebissene Schwänze, Panik, Tod. Wir reden nicht über all das Leid. Vor allem reden wir nicht über die unbequemste Frage: Ob die Formel „besseres Leben gleich bedenkenloser Konsum“ wirklich aufgeht.

Text: Luise Martha Anter

Foto: Amac Garbe

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