Campuskolumne

Eine Milliarde Euro. Sofort. Das ist, grob gesagt, die Forderung, mit der der Deutsche Bauernverband seine Zunft über den Hitze- und Dürresommer 2018 retten will. Denn der sorgt wohl für massive Ertragseinbußen. Zum Beispiel rechnen die deutschen Bauern statt den normalen 46 bis 48 Millionen Tonnen Getreide in diesem Jahr nur mit 36. Über diese Forderung lässt sich wahrlich streiten. Werden die Bauern nicht ohnehin massiv subventioniert? Steigen nicht auch die Preise ihrer Güter, wenn das Angebot sinkt? Lassen sich die Einbußen wirklich schon jetzt quantifizieren? Das sind legitime Fragen. Nicht wenige aber wedelten empört mit dem portablen Ventilator herum und wischten sich Schweißtropfen des Entsetzens von der Stirn: Die Bauern, so ihr Argument, sollen das Geld nicht bekommen! Sie sind doch zu einem Gutteil schuld am Klimawandel und damit an Dürre und Hitze! Man kann doch nicht den Täter belohnen! Sollen die Bauern doch reuig über ihre krüppligen Felder laufen.

Was für ein krummes Argument.

Ja, die deutsche Landwirtschaft trägt eine Mitschuld am Klimawandel. Gut sieben Prozent der jährlichen Emissionen in Deutschland gehen auf ihr Konto. Vor allem der intensive Düngereinsatz und die Massentierhaltung schaden dem Klima. Der Klimawandel ist aber eine langfristige, schleichende Entwicklung. Einem einzelnen Ereignis lässt sich kaum ein Schuldiger zuordnen. Ebenso wenig wie der Energiekonzern ExxonMobil für den steigenden Meeresspiegel sorgt, sind die deutschen Bauern für den Sommer 2018 verantwortlich. Zudem sind sieben Prozent vergleichsweise wenig: Der Transportsektor zum Beispiel ist für 18, die Energieindustrie für 36 Prozent der jährlichen Emissionen verantwortlich. Zwar verteilen sich diese Anteile auf weit mehr Menschen, doch es zeigt: Wir alle sind verantwortlich für den Klimawandel. Wir verbrauchen Strom, fahren motorisiert, fliegen. Und: essen.

Hier liegt die ganze Dreistigkeit des Arguments: Den Bauern wird unterstellt, sie würden den Schaden aus Spaß an der Freude anrichten. Spritzen aus Experimentierlust. Monokulturen aus Faulheit. Massentierhaltung aus Profitgier. Dabei sind es wir Konsumenten, die den Bauern ihre Wirtschaftsweise nachgerade ins Blatt diktieren. Tag für Tag fragen wir billiges Essen nach. Das Ei für neun Cent, die 200-Gramm-Packung Würstchen für 80 Cent, der Kohlrabi für 55 Cent. Zwar behauptet in Umfragen immer wieder eine Mehrheit, sie würde mehr für nachhaltigere Lebensmittel ausgeben. Doch zwischen Meinen und Machen steht eine unüberwindbare Mauer. Wir kaufen viel, wir kaufen billig. Einfach mal weniger anbauen und stattdessen mehr für die Produkte verlangen, die Tierbestände verkleinern oder gar den Umstieg zum Biobetrieb wagen – all das ist für Bauern mit einem erheblichen Risiko verbunden. Der Wandel ist wirtschaftlich irrational.

Das Bauernbashing floriert, weil es so bequem ist. Es befreit uns von aller Konsumentenlast, die wir mit jedem Kleckerbetrag an der Supermarktkasse auf uns laden. Was können wir schon dafür, wenn die Bauern uns immer mit diesen billigen Lebensmitteln locken, ganz so, wie die Sirenen Odysseus riefen? Der Konsument als Unschuldslamm, der Bauer als Umweltsünder. Statt sich in diesem Gefühl moralischer Überlegenheit zu suhlen, sollten wir konsequent mehr Geld für gutes Essen ausgeben. Und zwar nicht nur für Pommes, die wegen der schlechten Kartoffelernte bald teurer werden.

Text: Luise Martha Anter

Foto: Amac Garbe

Der Text wurde am 9.8.2018 um 12.15 Uhr korrigiert.

Ein Gedanke zu “Campuskolumne

  1. Mir aus der Seele gesprochen, es ist aber nicht ganz so einfach mit dem entsprechendem Kaufen, denn das Geld dafür muss man in den neuen Bundesländern und auch woanders haben!

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