Zum 30. „Forever Young“

Ein kleines pelziges Wesen gibt den Takt für Peer Kleinschmidts eingängige Musik vor, in deren Verlauf das Wesen sich immer wieder verwandelt und schließlich – nach einer ordentlichen Portion Popcorn – als Goldener Reiter zu seiner finalen Form findet.

Dieser Trailer vom Berliner Animationsstudio Protoplanet zum 30. FILMFEST DRESDEN wird den Besucher*innen des Filmfestes sicher in Erinnerung bleiben, ist er doch selbst ein kleines Kurzfilmkunstwerk und war auch bei Eröffnung und Preisverleihung zumindest musikalisch sehr präsent.

Die Eröffnung des 30. FILMFEST DRESDEN.

Zu sehen gab es vom 17. bis 22. April aber noch viel mehr. Zum Beispiel den ersten Preisträger des Goldenen Reiter* für Geschlechtergerechtigkeit. Die deutsch-japanische Koproduktion „Cat Days“ von Jon Frickey stellt folgerichtig allerdings nicht nur das Thema Geschlecht in den Vordergrund, sondern geht noch einen Schritt weiter. Denn die ärztliche Diagnose lautet: „Your son is a cat.“

Ein echtes Programmhighlight war sicherlich der „Schwerpunkt Europa“, der in seinem ersten Teil zunächst die Zeit des Mauerfalls thematisierte – mit Tilda Swinton oder auch Erich Honecker als Protagonisten. Im zweiten Teil gab es dann in einer Doppelprojektion Bernd Lützelers „Camera Threat“ zu sehen, was zum einen den digitalen Wandel radikal deutlich machte, dabei aber auch die Vorzüge und Möglichkeiten der verschiedenen Filmmedien – hier 35 mm und DCP – bildlich nebeneinanderstellte.

Filmfest-Mitarbeiterin Marie Unger hat allerdings einen anderen Favoriten: „Am stärksten beeindruckt hat mich der Film ‚Aaba‘, der auch einen Goldenen Reiter bekommen hat. Er wurde in Indien gedreht und handelt von einem Waisenmädchen, das bei seinen Großeltern lebt. Der Großvater erkrankt an Lungenkrebs und bereitet sich dann auf seinen Tod vor.“ Die 21-Jährige war zum ersten Mal beim Filmfest dabei, kümmerte sich um die Koordination des Shuttleservice. „Überrascht hat mich vor allem das riesige Netz an Menschen, das das Filmfest unterstützt. Das ist wie ein riesiges Uhrwerk mit hunderten von kleinen Rädchen, die dafür sorgen, das alles vonstattengeht. Und berührt haben mich neben den Filmen vor allem viele zwischenmenschliche Begegnungen. Mit Mitarbeitern, aber auch mit Gästen. Die Herzlichkeit, der man begegnet, und die viele Energie, die reingesteckt wird, reißt einen einfach mit. Und wie viel Potenzial der Kultursektor eigentlich hat und wie viel es auch hier in Dresden zu erleben gibt“, berichtet sie etwas müde, aber sichtlich begeistert.

Normalerweise studiert Marie Unger International Business an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Dresden. „Diese Woche geht es weiter mit dem Studium. Ich habe leider viel nachzuholen, da ich durch meine Arbeit in den letzten drei Wochen viel verpasst habe. Aber zum Glück gibt es Kommilitonen, die fleißig für einen mitschreiben. Und falls es sich ergibt und ich Zeit habe, mache ich auch nächstes Jahr liebend gerne wieder mit, um die vielen Menschen wiederzusehen, die mir während der Woche ans Herz gewachsen sind.“ Es gebe zwar vereinzelt auch Gäste, die viel fordern und trotzdem undankbar sind, aber die positiven Begegnungen überwiegen: „Ich habe den Regisseur und den Produzenten von ‚Nachtfalter‘ kurz vor ihrer Abreise kennengelernt. Das war eine kurze, aber sehr erfrischende Begegnung. Es ist interessant zu erfahren, wie gewisse Dinge in der Branche ablaufen und was sich gerade verändert. Man bekommt leider viel zu selten die Möglichkeit dazu.“

Dinge, die in der Branche ablaufen, wurden ganz offiziell beim Panel „Filmlizenzen auch für kurze Filme? Unbedingt!“ diskutiert. Denn besonders die Finanzierung von Kurzfilmproduktionen sowie deren angemessene Vergütung nach der Fertigstellung ist ein Problem, dem sich die Branche stellen muss – wie auch der adäquaten Bezahlung von Festivalmacher*innen, dem Thema Gleichstellung sowie der generellen Zugänglichkeit von Filmen, Kinos und Festivals für Menschen mit Einschränkungen. Dinge, denen sich auch das FILMFEST DRESDEN stellen muss. Ein Anfang ist beispielsweise bei der Inklusion gemacht.

Allgemein zugänglich, also kostenlos, war in diesem Jahr übrigens nicht nur das Open Air auf dem Neumarkt. Auch die Veranstaltung A Wall is a Screen, eine Mischung aus Stadtführung und Filmnacht, lockte am lauen Freitagabend tausende Besucher*innen an – circa 1.500, schätzte Peter Haueis von der veranstaltenden Hamburger Künstlergruppe, einige Zuschauer*innen vermuten noch mehr. So oder so war es Rekord, obwohl die Hamburger mit dem Konzept schon um die halbe Welt gereist sind. Sieben Stationen absolvierte die Gruppe auf ihrem Weg vom Rundkino – erstmals Spielstätte des Filmfestes anno 1990 – über Rathaus, Robotron-Kantine und Hygiene-Museum bis zum Georg-Arnhold-Bad. Die an die Häuserwände projizierten kurzen Spiel- und Animationsfilme schwankten dabei zwischen nachdenklich und lustig. Und die Besucher*innen gingen gegen 23 Uhr zufrieden wieder auseinander – vielleicht mit dem Festivaltrailer oder dem einen oder anderen Filmsong im Ohr.

Text: Nadine Faust (Transparenzhinweis: Die Autorin ist selbst für das FILMFEST DRESDEN tätig.)

Fotos: Amac Garbe (Titel, Eröffnung), Elias Staiger (A Wall is a Screen)

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