Campuskolumne

Mein Vater weiß Bescheid. Er weiß zum Beispiel, dass Politiker faul sind. Den ganzen Tag gründen sie Arbeitskreise, verdienen viel und machen wenig. Ich sage dann: „Schau mal in ein Politiklehrbuch, da hast Du die Fakten! Der Bundestag ist mehr Arbeits- als Redeparlament. Wenn das Plenum leer ist, sind die Abgeordneten in den Ausschüssen oder im Wahlkreis. Wolfgang Rudzio 2015, Das politische System der BRD, S. 247, Wiesbaden: Springer VS.“ Glaubt er nicht. „Warum?“ „Bauchgefühl.“

Nun ist mein Vater kein Verschwörungstheoretiker und kein Klimawandel-Leugner. Aber sein Unwille, sich von Fakten seine Meinung verderben zu lassen, ist doch Symptom einer besorgniserregenden Entwicklung: Immer öfter und immer tiefgreifender gewinnen Meinungen und Gefühle das Primat über Evidenz – in einem Ausmaß, dass „Alternative Fakten“ zum Unwort des Jahres 2017 wird und es die „Fake News“ in den Duden schaffen. Wenn Uwe Tellkamp weiß, dass 95 Prozent der Flüchtlinge Schmarotzer sind und Donald Trump die Welt auf Twitter in 280 Zeichen erklären kann, wer braucht da noch Forscher?

Kein Zweifel: Das Vertrauen in die Wissenschaft schwindet. Viele macht diese Entwicklung wütend, ungläubig, besorgt. Schon zum zweiten Mal gehen daher an diesem Samstag weltweit Menschen auf die Straße, um für den Wert und die Freiheit der Wissenschaft einzutreten. Auch in Dresden, ab 14.04 Uhr auf dem Theaterplatz. Doch der Wert der Wissenschaft erschöpft sich nicht in Evidenz. Es geht nicht nur darum, eine komplexe Wirklichkeit so gut wie möglich zu erkennen – egal ob es um Schwerkraft geht oder um die Anatomie des Menschen, um den Sinn des Lebens oder den Zusammenhang zwischen Medienkonsum und Wahlverhalten.

Der Wert der Wissenschaft besteht auch in der Bereitschaft, sich zu täuschen. Sich von dem Ergebnis der Forschung eines Besseren belehren zu lassen. Nicht nur das zu glauben, was ins eigene Weltbild passt. Seine Meinung zu ändern. Dieses Mindset fehlt zu oft. Bis zu einem gewissen Grad ist das menschlich: Wir sind nicht gern mit kognitiver Dissonanz konfrontiert, werden lieber bestätigt als kritisiert. Doch je mehr dieses wohlige Gefühl in Polarisierung ausartet, desto giftiger ist das für unsere Demokratie: Wenn alle Seiten a priori wissen, was Sache ist, dann macht das jede Diskussion obsolet. Dann steht Meinung gegen Meinung, konstruktiver Streit wird im Kern erstickt. Jedes Gespräch wird zu reiner Rechthaberei – und endet ergebnislos. Im besten Falle ist man sich einig, dass man sich nicht einig ist. Es ist wie im Gerichtssaal: Aussage gegen Aussage, Verhandlung eingestellt. Wir sollten von der Wissenschaft nicht nur die Fakten lernen. Sondern auch den Irrtum. Der March for Science – eigentlich ist er ein March for Society.

Text: Luise Martha Anter

Foto: Amac Garbe

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