Ein Brief für die Bildung

Aus Unmut über die Zustände im sächsischen Bildungssystem haben Lehramtsstudierende der TU Dresden einen offenen Brief verfasst. Darin fordern sie rasche Reformen – nicht nur an den Schulen.

Die Amtszeit von Michael Kretschmer begann mit einem Paukenschlag. Am 18. Dezember stellte der neue sächsische Ministerpräsident sein Kabinett vor – ein Kabinett ohne Frank Haubitz. Erst im Oktober war der parteilose Schulleiter aus Dresden-Klotzsche zum Kultusminister ernannt worden, nachdem seine Vorgängerin Brunhild Kurth (CDU) der Politik den Rücken gekehrt hatte. Bald präsentierte Haubitz seinen „Plan E (E = Erfolg)“ für die Reform des sächsischen Bildungssystems. Damit weckte der Mann aus der Praxis bei vielen die Hoffnung auf Besserung. Nicht jedoch bei der CDU: Die Fraktion im Landtag kritisierte sowohl seine Reformpläne als auch das  Vorpreschen an die Öffentlichkeit – und drängte Kretschmer wohl, Haubitz nicht als Kultusminister zu behalten. Der neue sächsische Kultusminister ist der Dresdner Christian Piwarz (CDU). Der 42-Jährige studierte Jurist sitzt seit 2006 im Sächsischen Landtag und war bis zu seiner Ernennung Parlamentarischer Geschäftsführer sowie Erster Stellvertretender Fraktionsvorsitzender der CDU-Fraktion.

Der Wechsel im Kultusministerium war für Anne Weinert der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Die 21-Jährige studiert Gymnasiallehramt für Französisch und Evangelische Religion an der TU Dresden – und betrachtete die Zustände an sächsischen Schulen schon lange mit Sorge. „Ich sehe es ja in meiner Familie, da haben die Kinder teilweise sechs Monate kein Englisch, weil Lehrer fehlen.“ Das Mittel ihrer Wahl: ein offener Brief. Weinert kontaktierte den Fachschaftsrat Allgemeinbildende Schulen (FSR ABS). Dessen Sprecher*innen Henriette Mehn und Henrik Romeis sagten sofort zu – auch sie waren alles andere als begeistert über Haubitz’ Absetzung. Nur ein paar Stunden brauchten die drei am Vormittag des 20. Dezember, um ihren Unmut zu Papier zu bringen. Dann schickten sie den Brief an die Staatskanzlei und das Kultusministerium (SMK).

Der Brief beginnt mit einer heftigen Kritik des Status quo. Die Absetzung von Frank Haubitz sei ein „Symptom der seit Jahren anhaltenden Instabilität in der sächsischen Bildungspolitik“. Das sächsische Schulsystem stehe wegen des Lehrermangels „kurz vor dem Zusammenbruch“. Haubitz wollte diese Missstände mit seinem „Plan E“ angehen – doch damit habe er keine Chance gegen den Widerstand anderer Regierungsmitglieder gehabt. Genau hier setzen die Verfasser des Briefs an: Es brauche „entschlossene und nachhaltige Reformen“. Sie fordern die gleiche Bezahlung von Lehrern und Lehrerinnen über alle Schularten hinweg – bisher verdienen Grundschullehrer weniger als jene an einer Oberschule und diese wiederum weniger als Gymnasiallehrer. Wegen des Mangels an Lehrkräften müssen viele Lehrer Überstunden machen: Diese Mehrarbeit müsse vergütet werden.

Insbesondere dem FSR geht es aber nicht nur um die Lehrer und Schulen, sondern auch um die Studierenden. „In der Lehramtsausbildung gibt es viele Baustellen“, heißt es. Der Brief wirbt für ein „Lehrer*innenbildungsgesetz“. Das soll einheitliche Rahmenbedingungen des Studiums festschreiben, beispielsweise eine einheitliche Länge des Referendariats. Bisher, so Henriette Mehn, werde das Lehramtsstudium in Sachsen vor allem durch Verordnungen geregelt – diese kann der Kultusminister aber recht schnell ändern. Ein Gesetz hingegen müsste vor seiner Festschreibung im Plenum und in der Öffentlichkeit debattiert werden – also auch mit den Studierenden selbst. So soll eine „demokratisch legitimierte Grundlage für die Lehrer*innenausbildung“ entstehen – und zwar noch dieses Jahr. „Wir wollen, dass die Lehramtsstudierenden in der Öffentlichkeit als eigene Statusgruppe anerkannt werden“, sagt Henrik Romeis.

Und noch eine Forderung findet sich im Brief: die nach Gesprächsbereitschaft. „Haubitz hat Optimismus versprüht“, sagt Henriette Mehn. Er habe persönliches Interesse an den Anliegen der Studierenden gezeigt – das erwarten die Studierenden auch von Christian Piwarz.

Damit könnte der Brief bereits Erfolg gehabt haben: Einige Tage nach seiner Veröffentlichung kündigte sich Christian Piwarz für den 22. Januar an. Er will sich mit dem FSR ABS und dem Zentrum für Lehrerbildung, Schul- und Berufsbildungsforschung (ZLSB) der TU Dresden treffen. Genaue Infos haben Henriette Mehn und Henrik Romeis noch nicht, aber es wird wohl um das große Thema gehen: die Zukunft der Lehrer und ihre Ausbildung in Sachsen. Ob Piwarz damit wirklich auf den Brief reagiert, ist nicht klar. Im Kultusministerium heißt es von Pressesprecherin Manja Kelch nur, dass ähnliche Formate auch in Leipzig und Chemnitz geplant sind.

Trotzdem: Die drei Initiatoren sind zufrieden mit ihrer Aktion. Die sächsische Wissenschaftsministerin Dr. Eva-Maria Stange (SPD) hat ebenfalls auf den Brief reagiert, freue sich auf den Dialog. Zudem haben Politiker anderer Parteien unterschrieben, etwa Petra Zais, die bildungspolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion im Sächsischen Landtag, und René Jalaß, der dort als Sprecher für Hochschul- und Wissenschaftspolitik der Linken sitzt. Auch außerhalb der Politik hat der Brief die Runde gemacht: Anne Weinert hat ihn als Petition auf change.org hochgeladen, bei Freunden und an Schulen für die Initiative geworben. „Das lief so nach dem Schneeballprinzip“, sagt sie. Auf change.org hat der Brief bereits 2.733 Unterschriften (Stand: 16.01.2018, 14 Uhr). „Auch wenn es nur ein Mini-Stein ist“, sagt Anne Weinert, „haben wir ihn doch ins Rollen gebracht.“

Text: Luise Martha Anter

Foto: Amac Garbe

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