Anders auf der Alm

Raus aus dem Alltag und rauf auf die Alm. Zwei Wochen den Kopf abschalten, während der Körper arbeitet. Ein Plan, der alsbald ins Wanken gerät.

Aufstehen im Morgengrauen. Eine Tasse Kaffee und einen Kanten Brot zum Frühstück, während man den Sonnenaufgang über schneebedeckten Gipfeln beobachtet. Dann Schuften den ganzen Tag, Almwiesen hoch, Almwiesen runter. Holz hacken, Stall misten, Zaun flicken. Und abends, am warmen Ofen in der urigen Hütte, hat man das wohlige Gefühl, etwas geschafft zu haben. Man ist erschöpft und glücklich zugleich. All das freilich fernab jeder Zivilisation, kein Telefon, kein Verkehr. Vor allem: kein Internet! Heile Welt in den Bergen also – und damit die perfekte Umgebung für eine Zäsur auf Zeit. 14 Tage als Freiwillige auf einer Alm im Berner Oberland. Dem Alltag entfliehen, um ein bisschen über das Leben nachzudenken.

Doch diese Vorstellung geriet schnell ins Wanken – auf Klischees steht es sich schließlich nicht allzu gut. Am Anfang waren drei kleine Buchstaben auf dem Display des Smartphones: LTE. Internet von der allerfeinsten Sorte. Im Haus, im Stall oder auf der Almwiese, auf 1.300 oder 2.000 Metern – es ist überall. Nichts mit internetfreiem Ressort. Und auch sonst wollte der Plan nicht so recht aufgehen. Denn das Leben auf der Alm ist, mit Verlaub, nicht allzu hart. Freilich, der Tag ist lang und arbeitsreich, beginnt um fünf Uhr morgens im Stall und endet dort 14 Stunden später. Zeit für den Schaukelstuhl oder die Wanderstiefel hat hier oben keiner. Doch die Moderne hört eben nicht 1.000 Meter über null auf. Eine Alm ist 2017 keine Hütte ohne Strom und fließend Wasser, sondern ein vernünftig ausgestattetes Einfamilienhaus – mit dem Unterschied, dass der Dachboden hier ein Heuboden ist und die Veranda als Misthaufen dient. Und was im Tal ÖPNV und Auto, sind in den Bergen allerlei motorisierte Gefährte, die die Bauern zu jedem noch so unwirtlich gelegenen Einsatzort bringen. Kaum ist man dort angekommen, muss man wahrscheinlich auch schon wieder zurück – die nächste Mahlzeit ist gewiss. Das Essen ist schließlich das strengste Regime hier oben: 8 Uhr Morgenessen, 12 Uhr Mittag, 16 Uhr „Z’ Vieri“ (Wer wollte da noch von Kaffeetrinken sprechen?), 19 Uhr Nachtessen. Und all das bitte möglichst ungesund. Auch hier oben landet neben Sahne und Käse aus Eigenproduktion das Junk-Food aus dem Supermarkt auf dem Tisch. Auf die Zäsur kann man da lange warten.

Das Ganze entbehrt natürlich nicht einer gewissen Zynik: Verwöhnte Städter und Flachländer wünschen Almbewohnern ein hartes Leben, um es selbst einmal zu erfahren. Aber bitte zeitlich begrenzt und nur im Sommer! Und dann sind die Städter enttäuscht, wenn weder der Schweiß in Strömen fließt, noch die Waden den ganzen Tag brennen. Schon komisch, diese Städter.

Aber komisch sind eben auch die Bauern. Da kommen die ganze Almsaison, von Mai bis Oktober, Freiwillige auf die Alm. Opfern ihren wohl raren Urlaub, um zu arbeiten. Für nichts weiter als ein (selten) warmes Bett und das (noch seltener) leckere Essen. Für die Bauern aber ist diese Hilfe selbstverständlich – schließlich ist die gesamte Almsaison „ausgebucht“ mit Freiwilligen. Alle 14 Tage kommt ein neues Gesicht, da ist die Austauschbarkeit hoch und der Rufname schnell „die Caritas-Frau“. Vor allem aber: Es kommt kein Danke. Nicht, wenn man das Haus putzt, während die Familie noch mit Freunden beim Kaffee sitzt. Nicht, wenn man im Schneeregen Kuhweiden von bergeweise Mini-Tannen und Disteln befreit, obwohl die Oma eine „Zimmerstunde“ vorgeschlagen hatte. Nicht, wenn man die Ziegen irgendwo an der Kiesgrube auftreibt – um sie bei herrlichstem Sonnenschein im Stall anzubinden. Ganz rechts steht 51.001, ganz links 6.702. Die Stricke sind bei manchen so kurz, dass sie sich nur in geduckter Haltung nicht strangulieren.

Es gerät nicht nur ins Wanken, das Klischee vom unbeschwerten Tierleben auf der Alm. Es zerfällt wie ein Kartenhaus. Die Kühe und Ziegen sind das, was sie im Tal auch sind: Objekt. Nutztier. Geldquelle. Den ganzen Tag stehen sie im Stall, freilich angebunden. Raus kommen sie nur über Nacht. Morgens und abends wird gemolken, dann übertönen die monströsen Melkmaschinen das ohnehin schon nervtötend laute Glockengeläut der Tiere. Wird ein Kalb während des Ausmistens geboren, wird eben drumherum gearbeitet. Eigentlich ganz praktisch: Da kann man die Fruchtblase gleich mit entsorgen. Sofort nach der Geburt wird das verschreckte Tier von der Mutter getrennt – schließlich will man deren Milch bald wieder haben, sie soll sich gar nicht erst an den Nachwuchs gewöhnen. Die Kälbchen werden vom ersten Tag an von den Menschen getränkt. Das allerdings klingt viel niedlicher, als es ist. Weil mit der Milch die Aufregung in den vier Quadratmeter großen Kälberstall kommt, sind auch die vielleicht drei Tage alten Tiere während des Tränkens angebunden. Aber spätestens, wenn die Flasche alle ist, sucht das Kalb hektisch nach einem Euter – und zieht am Strick. Nein, zerrt. Irgendwann machen das alle drei. Und während man dann bedrückt auf die drei hustenden Wesen blickt, zuckt der Bauer mit den Schultern. Wenn es eine Sünde auf der Alm gibt, dann ist es der Umgang mit den Tieren. Nicht immer, aber zu oft.

Und doch. Diese zwei Wochen waren auch in einem anderen, positiveren Sinne erkenntnisreich. Instant-Kaffee zum Beispiel schmeckt spätestens nach drei Tagen gut, wenn es sonst nur Früchtetee gibt. 380 von 394 E-Mails sind überflüssig. Die wichtigste Funktion am Smartphone ist ohnehin die Kamera. Das Wichtigste: Es gibt nichts besseres, als den Sonnenaufgang rennend in den Bergen zu verbringen. Auf einem Anhänger voller Mist dem Sonnenuntergang entgegentuckern kommt dem allerdings sehr nahe.

Reiseservice: Der Text ist im doppelten Sinne subjektiv. Nicht nur, dass die geschilderten Eindrücke allein der Wahrnehmung der Autorin entspringen – er bezieht sich auch allein auf die besuchte Alm. Wer sich selbst ein Bild machen und das Almleben testen will, der findet zum Beispiel bei Caritas Bergeinsatz eine große Auswahl von Almen in der ganzen Schweiz, die auf Hilfe angewiesen sind. Der Deal lautet stets: Arbeiten gegen freie Kost und Logis. Nur die An- und Abreise muss man bezahlen. Gerade in entlegenen Regionen kann das richtig teuer werden. 

Text und Fotos: Luise Martha Anter

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