Campuskolumne

Zartbesaiteten sei angeraten, montagabends die Züge gen Zittau oder Görlitz zu meiden. Wenn man Glück hat, begegnet man nur stark angetrunkenen Pegidisten in Pegida-Patrioten-Shirts, die über pralle Bierbäuche spannen. Wenn man Pech hat, wird der Toilettengang eines Dunkelhäutigen mit Witzen kommentiert, die als „unter der Gürtellinie“ zu bezeichnen eine Verharmlosung wäre. Nur so viel: Es ging um Fäkalien und Wüstensand.

Und dann gibt es Situationen, die ratlos machen. Da ist eine Frau, Ende 40 vielleicht, etwas zu altmodisches Business-Outfit. Passt immerhin zur Dauerwelle. Und da ist ein junger Mann, Ende 20 vielleicht, offensichtlich nicht europäischer Abstammung.

Dieser junge Mann also, er will nach Löbau. Er fragt die Frau, wann der Zug geteilt wird — damit er nicht in Bautzen landet, in Görlitz oder Pommritz. Die Frau könnte nun sagen: Bischofswerda. Bitte! Danke! Doch sie antwortet nicht einfach. Sie ergießt sich in einem Redeschwall.

Keine Minute braucht sie bis zur Feststellung, dass „ihr nicht alle hierher kommen könnt“. „Ganz schwierig“ sei das alles. Die Kulturen seien doch viel zu verschieden. „Integration kann überhaupt nicht gelingen!“ Die Frau hat keine Argumente, sie hat eine Meinung. Und das ist verdammt noch mal die richtige. Um das dem ganzen Zug kundzutun, wird sie immer lauter. Und lauter.

Der junge Mann schweigt.

„Du musst zurück in deine Heimat, nach Syrien oder sonstwo!“, sagt die Frau jetzt. „Du hast doch hier keine Familie, keine Freunde, nichts!“ Woher sie das weiß, verrät sie nicht. Auch nicht, warum sie den Mann eigentlich penetrant duzt. Er stottert kurz etwas — Eigentor. Die Frau hat eine neue Steilvorlage. „Vor allem musst du lernen, lernen, lernen, deutsche Sprache, verstehst du?“ Sie redet sich regelrecht in Rage: „Lernen, lernen, lernen!“

Man möchte gerne aufspringen, die Frau lautstark unterbrechen und ihr sagen, dass man auf die abendliche Alleinunterhaltung getrost verzichten kann. Dass sie den armen jungen Mann in Ruhe lassen soll. Sie fragen, ob sie eigentlich auch mal denke, bevor sie rede. Wie sie sich das so vorstelle, mit dem Aufbau in Bürgerkriegsländern. Zwischen zwei Bombenattacken vielleicht? Hunger, Durst und Verlust geflissentlich ignorieren und business as usual betreiben?

Aber man springt nicht auf. Niemand springt auf. Demonstratives Stöhnen ist das höchste der Gefühle, der Blick aus dem Fenster in die dunkle Dresdner Heide scheint auch übermäßig attraktiv zu sein. Die Frau redet, der Zug schweigt.

Man könnte jetzt sagen: Tja, die Sachsen halt, alles Nazis. Wusste ich doch gleich! Doch derartige Verallgemeinerungen sind weder richtig noch hilfreich. Des Pudels Kern ist ein anderer: Niemand hat Lust auf Streit. Statt Einspruch zu erheben und Argumente anzubringen, statt sich auf die Diskussion einzulassen, igelt man sich ein. Es würde ja doch nur zu einem wütenden Schlagabtausch und Polemiken kommen. Ja, vielleicht würde es das. Doch es ist keine Lösung, einfach den Mund zu halten. Eine Gesellschaft lebt vom Diskurs, ja Streit. Der darf zuweilen sogar laut und dreckig sein, wenn er den Minimalkonsens der Menschenwürde nicht verlässt. Wenn aber alle schweigen, weil sie Angst vorm Anecken oder einfach ihre Ruhe haben wollen, dann gewinnen die Lauten. Und montagabends scheren die sich einen Dreck um die Menschenwürde.

Text: Luise Martha Anter

Foto: Amac Garbe

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