Quarantäne mit Qual

Es sind nur zwei Striche. Ich sitze am Bahnhof, bereit, zur Arbeit zu fahren, und starre auf das Plastikviereck vor mir. Mit einem unguten Gefühl war ich in die Drogerie an der Station gelaufen, hatte mir einen Test gekauft und ein Stäbchen in die Nase gesteckt. Und das Ergebnis sind zwei Striche. Ich bin Corona positiv. Will mich das Leben verarschen?

Ich hatte bereits vorher Erkältungssymptome gehabt – Halskratzen, eine laufende Nase, Geschmacksverlust. Alles fühlte sich wie ein normaler Schnupfen an. Nur mein Partner aus der Ferne fand das nicht normal und drängte mich zu einem Test. Und dann das. Um sicherzugehen, dass meine drei Selbsttests nicht falsch positiv waren, begab ich mich ins Testzentrum meines Vertrauens und hatte nach ein paar Minuten die Gewissheit.

Es ist komisch: Wenn ich Urlaub habe und morgens unterwegs bin, genieße ich das Treiben. Zu wissen, dass all die Menschen durch den Sonnenaufgang hetzen oder ihren Kinderwagen für einen  Spaziergang durch die Stadt schieben, während ich hindurchlaufe und alle Zeit der Welt habe, beruhigt mich. Ich bin Beobachterin, denke mir Geschichten aus, wo sie herkommen, wohin sie gehen. Doch jetzt bin ich wie betäubt. Ich versuche den schnellsten Weg nach Hause zu laufen und dabei niemandem zu begegnen. Die Architektur, die Menschen? Unwichtig.

Tag 0 und Tag 1 – noch mal warten

Bereits im Testzentrum habe ich mich informiert, was akut zu tun ist. Außerdem bespreche ich mit meinem Arbeitgeber, wie wir jetzt weiter vorgehen. Die Zeit vergeht erstaunlich langsam, während ich auf das Ergebnis des PCR-Tests warte. Obwohl Corona monatelang präsent in den Medien war, fühle ich mich hilflos. Ich studiere Reglungen des Bundes, des Freistaates, der Stadt. Frage Freund:innen und Verwandte. Überlege, wie viele Lebensmittel ich im Haus habe.

Die Symptome sind da, aber schlimmer ist der Kopf. Die Schuldgefühle. Dass ich meine Kolleg:innen im Stich gelassen und andere gefährdet habe. Zu wem ich überhaupt Kontakt hatte. Warum ich dachte, dass alles o. k. ist. Obwohl mir klar war, dass ich irgendwann erkranken würde, trotz aller Hygieneregeln. Warum mir das passieren musste. Und wie – verdammt! – ich meine 10.000 Schritte täglich schaffen soll. An diesen ersten Tagen fühlt sich alles noch nicht real an.

Tag 2 – Netflix und Sofa

Ich bin in Wochenendstimmung. Während ich niesend auf der Couch sitze, gucke ich, was die Mediatheken hergeben. Ich beginne mit den Serien, die schon lange auf der Wunschliste standen, und beende dann Werke, die ich aufgrund von Langeweile abgebrochen habe. Am Ende lande ich sogar bei deutschen Cosy-Krimis.

Meine Freund:innen und mein Partner unterhalten mich gut. Sie fragen mich dreimal täglich, wie es mir geht, und erzählen mir von ihrer Arbeit. Manchmal fühle ich mich, als würde ich mit ihnen arbeiten, weil ich so tief drin bin. Das, was ich ansonsten in den Feierabend quetsche, hat hier alle Zeit.

Außerdem erstelle ich mir eine Playlist und tanze in meiner Wohnung, wenn ich mich fit fühle. Nur essen klappt nur mäßig gut. Eigentlich könnte ich mir die Krankheit mit Bacon und Eiern versüßen, einen French Toast brutzeln oder ein neues Curry ausprobieren. Aber da ich noch immer nichts schmecke, macht das keinen Spaß.

Tag 3 – ein erstes Tief

Ich weiß, was die Nachbar:innen treiben. Wann der Mann neben mir auf Arbeit geht und wenn die Frau unter mir die Post reinholt. Dass die Kinder von nebenan die Nachmittags-Animes gucken. Welche Kinder im Hof spielen und wer abends wann das Licht ausmacht. Wann das komplette Viertel dunkel ist. Irgendwie schön, Zeit dafür zu haben. Nicht so schön, kein Teil davon zu sein.

Ich kann nicht raus. Oft denke ich, dass ich jetzt gern einen Spaziergang machen würde. An der Elbe entlang bis zum Blauen Wunder. Im Sonnenuntergang hin, unterm Sternenhimmel zurück. Zu beobachten, wie im Fährgarten die letzten Lichter erlischen und die Kellner:innen ihre Feierabendzigarette rauchen. Während die Waldschlösschenbrücke die Nacht erleuchtet. Oder im Großen Garten liegen und ein gutes Buch lesen, während ich die Muskeln der Sportler:innen bewundere. Doch dann fällt mir ein: Geht ja nicht. Quarantäne ist kein Zuckerschlecken. Ich fühle mich nicht eingeschlossen, aber ich vermisse es, meine Umwelt zu spüren.

Tag 4 – noch mal produktiv sein

Ich versuche, das Beste aus meiner Situation zu machen. Putze die Wohnung, arbeite an einem Text. Allein die Recherche für ein Detail zur alten Bebauung Dresdens dauert Stunden. Nur, damit ich diesen Fakt am nächste Tag streiche. Trotzdem erfüllt mich das.

Ich rufe ein paar Freund:innen an, zu denen ich schon lange keinen Kontakt hatte, und bin schließlich bestens informiert. Wer früh Vater wurde, wer dreimal den Studiengang gewechselt hat. Wie sich die Lebenswege verändert haben. Vor allem aber: Wie ich mich verändert habe. Während soziale Kontakte für mich früher schwierig waren, geht es mir heute besser damit. Ich muss niemandem etwas beweisen, ich komme damit klar, wenn etwas nicht funktioniert. Erst recht, wenn es Menschen sind, die ich gern in meinem Umfeld habe, ohne die es aber auch geht.

Als ich um 10 ins Bett falle, bin ich ausgelaugt, aber zufrieden.

Tag 5 – gut gefallen

Der Tag beginnt mit einem Alptraum, aus dem ich erwache, als es draußen noch dunkel ist. Ich versuche es mit einem Buch über die Entstehung des letzten BEATLES-Albums, aber auch das deprimiert mich, weil’s eine Quälerei für alle Beteiligten war. Mangels realem Kontakt denkt mein Gehirn, es sei eine gute Idee, meine zerbrochenen Beziehungen noch einmal Revue passieren zu lassen, in ihrer schlimmsten Form. Obwohl ich es besser weiß und dachte, dass ich das verarbeitet habe, überrollen mich Wehmut, Schuld, Neid und Wut. Und es fällt mir schwer, sie aufzuhalten.

Außerdem vermisse ich es, einkaufen zu gehen. Mit der Verkäuferin zu plaudern, durch die Regale zu stöbern. Ich vermisse asiatisches Fast Food und Döner. Im Laufe der Quarantäne habe ich meinen halben Gefrierschrank aufgebraucht, aber ich warte sehnsüchtig auf gutes Essen.

Ich fühle mich erschöpft. Vom Warten. Von der Frage, ob es mir morgen früh gut genug geht, damit ich wieder arbeiten kann. Ob der Test wieder negativ ist. Was die Pause mit meinem Körper gemacht hat. Es kommt mir vor, als hätte ich die vergangenen Tage durch eine Nebelwand kommuniziert, als sei ich nicht da.

Normalerweise sollte man für sowas ein Notfall-Kit an Gedanken oder Strategien haben. Rauchen, ein Puzzle lösen, einen Spaziergang machen oder Lieblingsschokolade futtern. Doch leider habe ich meines verlegt. Nichts scheint zu funktionieren.

Also tue ich etwas, das ich zu selten tue: Ich ziehe mir eine Jacke an, öffne die Balkontür und strecke die Arme nach draußen, um die Nachtluft zu fühlen. Dann singe ich Songs von ELVIS PRESLEY. Für all die einsamen Menschen, die in diesem Moment dasselbe fühlen. Und obwohl meine Worte keinen Widerhall finden, fühle ich mich nicht mehr allein. In dieser Stadt gibt es wohl tausende, die gerade genauso einsam oder frustriert sind. Und irgendwie klinge ich so schief, dass ich über mich selbst lachen muss.

Tag 6 – der Afterglow

Als ich die ersten Meter zur Bahn laufe, bin ich aufgeregt und frage mich, ob ich auch wirklich gesund bin. Aber als ich wieder an meinem vertrauten Schreibtisch sitze und auf die Akten vor mir blicke, bin ich erfüllt. Ja, ich mag meinen Job und freue mich, wieder etwas Sinnstiftendes zu tun. Anfangs ist es ungewohnt, mehr zu tun als auf dem Sofa zu liegen und Wolken zu beobachten, aber ich genieße das.

Nachmittags realisiere ich, dass ich wirklich wieder „frei“ bin und mir fallen tausend Dinge ein, die ich endlich wieder tun möchte. Restaurants besuchen, ein Eis essen, Deko für die Wohnung kaufen, auf ein Konzert gehen, mit drei Freund:innen gleichzeitig spazieren gehen, Menschen beobachten … Auch wenn ich einiges davon bereits vor meiner Erkrankung habe schleifen lassen. Irgendwie fühle ich mich erfrischt. Der Grund war kein guter, aber das Hamsterrad anzuhalten und zu gucken, wie die Welt aussieht, das tat mir ganz gut.

Ich merke aber auch, wie ich emotional noch etwas ausgelaugt bin, mich erst wieder finden muss. Dass ich negative Botschaften nicht mag. Meldungen über die sinkende Wirtschaftskraft, ein Streit in der Straßenbahn, ein unfreundlicher Kunde: All das fühlt sich für mich schlimmer an, als ich das von mir kenne. Wohl, weil ich ein Stück in meiner Wohnung und auch in meinen Emotionen gefangen war und sich so viel angesammelt hat, das ich nicht mehr ertrage.

Letztlich war meine Quarantäne eine Reise, die mich bereichert hat, aber an deren Ende ich froh bin, wieder zuhause zu sein.

Text: Vivian Herzog

Foto: Amac Garbe

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