Kunst, die stinkt

Noch bis zum 4. September 2022 ist im Oktogon der Hochschule für Bildende Künste Dresden die aktuelle Diplomausstellung der Bildenden Kunst zu sehen – und zu riechen.

Es stinkt in der Hochschule für Bildende Künste Dresden. Zumindest sind das Anschuldigungen, die sich die diesjährige Diplomandin Karolin Kutteri beim Aufbau ihres Erdraumes in Atelier 153 auf der Brühlschen Terrasse gefallen lassen muss – samt dem Vorwurf, sie habe die falsche Erde organisiert. Entweder müsse der Geruch verschwinden oder die Erde müsse ausgetauscht werden. Kutteri belüftet; wendet; mischt Mineralkalk, Natron, zerkleinerte Grillkohle und Bentonit unter die eigentlich fruchtbare Erde – und macht sie damit basisch; trocknet sie aus.

Der Mensch hat sich die Natur mal wieder zum Untertan gemacht. Er pflanzt Monokulturen an, die nicht widerstandsfähig sind; entnimmt Grundwasser zum Bewässern, weil der Niederschlag nicht ausreicht; versiegelt Flächen; übertüncht, was nicht angenehm riecht. Das fängt bei den gefühlt 1.000 Deos im Supermarkt an und endet nicht erst beim Klostein, damit die Toilette nach Zitrone duftet. Ein Problem bei der Abwasseraufbereitung, können Fäulnisbakterien zwar mit unseren Exkrementen umgehen, aber nicht so gut mit chemischen Beimischungen.

Dürre im Atelier und vor den Fenstern

Kutteri will mit ihrem Erdraum u. a. auf die zunehmenden Dürreperioden in Europa aufmerksam machen. Erinnern die Elbwiesen doch gerade eher an die gelb gefärbten kalifornischen Grashügellandschaften als an sattgrüne mitteleuropäische Flussgebiete. Wälder brennen hier wie ebenda. Regentänze wurden bei den deutschen Ureinwohner:innen leider noch nicht gesehen. So hat Kutteri in ihrem Raum Birken aufgestellt. Ihrer Wurzeln beraubt, können diese nicht mehr wachsen, aber generell gilt die Birke als klimaresistent. Die uns bekannte Landschaft wird sich verändern – mit oder ohne uns.

Der Mensch als seine Umgebung gestaltendes Wesen steht wohl im Mittelpunkt der meisten Kunst. Wir drehen uns um uns selbst. Wir verändern unsere Umwelt, wie wir sie sehen wollen. Krieg als Ausdrucksmittel dessen ist da nur die Spitze des Eisbergs, den der Diplomand Gleb Konkin-von Serebrowski aus St. Petersburg in Form einer Pyramide aus Soldatenhelmen aus dem ersten und zweiten Weltkrieg aufgestapelt hat. Rostzerfressen sprechen sie von der Vergangenheit, aus der die Gegenwart nichts gelernt zu haben scheint. Sind doch einige Löcher nicht dem Zerfall zu verdanken, sondern haben ihren Träger das Leben gekostet.

Der Preis der Sauberkeit

Die Künstlergruppe How How wiederum, der Diplomandin Lotte Dohmen angehört, „putzt“ in einem performativen Prozess künstlerisch besetzte Orte und verkauft als Ergebnis das Reinigungswasser zu verschiedensten Preisen. Für Duft geben wir ja normalerweise gern Geld aus. Das Thema Reinigung hingegen wird in den vermeintlichen Randbereich der Gesellschaft verdrängt und durchweg schlecht bezahlt, so dass Immigrant:innen mitunter diese Arbeiten verrichten dürfen. Dies thematisiert Tainá Bemmerlein in ihren Fotografien.

So greifen die jungen Künstler:innen gesellschaftliche Probleme auf, die ihre eigenen Lebenswelten schneiden; die ihnen vertraut sind. Das ist nicht immer auf den ersten Moment ersichtlich, aber Kunst ist ja auch kein Reality TV – auch wenn sie manchmal stinkt.

Text: Nadine Faust

Fotos: Amac Garbe

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