Funkstille

Es war die wohl größte Katastrophe, die einem im Herbst passieren konnte. Schlimmer als eine Bundestagswahl mit nur wenigen guten Möglichkeiten und anschließenden Koalitionsgesprächen, die mich an Obstsalat erinnern. Schlimmer als das Finale von „Prince Charming“, in dem sich der blonde Hühne mit dem süßen Ich-will-dich-flachenlegen-Lächeln zwischen dem Vize-Mister Gay Germany und einem engagierten Podcaster entscheiden muss. Wobei die wahre Katastrophe in den Dialogen bei der Entscheidung liegt. Und den komischen Sprechpausen dazwischen. Und natürlich: eine Katastrophe, die schlimmer ist als kaltes, ekliges Wetter im Herbst. Ein Ausfall von Facebook, Instagram und WhatsApp.

Kein Happy Birthday

Für mich hatte das Ganze vor allem einen emotionalen Hintergrund: Die Geburtstagsgrüße meiner 300 Freund:innen musste ich mir mit einem Tag Verspätung ansehen. Und auch wenn auf Social Media vieles Fiktion ist, macht mich das glücklich. Ein bisschen wie Gruppenkuscheln, nur ohne Körperflüssigkeiten und Knoblauchgeruch. Aber letztlich war mir das egal.

Mein Umfeld jedoch reagierte mit Wut und Panik. Wie sollte man denn jetzt die Katzenbilder, Beziehungs-Updates und Videos posten? Wo seine politische Meinung verbreiten oder sich über Leute aufregen, die das tun? Warum kann man mit SMS keine Links verschicken? Sollten wir jetzt ein impressionistisches Gemälde malen und aus dem Fenster hängen, wenn Klein Jonas-Johannes das erste Mal in seine winzige Zehe beißt? Und würde er bitte 30 Minuten in dieser Pose verharren, damit es nicht verwackelt? Wer bestätigt mir denn, dass es absolute Lebensmittelverschwendung ist, wenn die Teilnehmer:innen einer Dating-Show neben einer Pizza reden und küssen, ohne dass man sie essen sieht? Und wer spendet Mitleid, wenn ich ein Foto meines aufgeschlagenen Knies poste, weil ich beim Skateboard-Fahren gestürzt bin?

Abwägen, aussieben

Es sind die essentiellen Fragen, die man sich in diesen Momenten stellt. Abseits der Tierfotos und Aufmerksamkeit. Es geht um Kommunikation. Mit den meisten meiner 300 Freund:innen rede ich über Facebook, nur wenige habe ich auf meiner Messenger-Liste, noch weniger haben meine Handynummer und einen Festnetzanschluss haben viele gar nicht. Rückblickend betrachtet ist es tatsächlich aufwendig herauszufinden, mit wem man über welches Mittel kommuniziert. Mit wem man reden will, wer den Aufwand wert ist. Es ist ein Nachdenken darüber, wer einem wichtig ist.

Tanz in vielen Gruppen

Mir hat das aber auch gezeigt, wie kleinteilig die Welt geworden ist. Früher gab es nur wenige Möglichkeiten – man hat sich angerufen, hat die Person besucht oder man war, wie jeden Dienstag, mit seinen Freund:innen in einer Bar verabredet, ganz ohne Worte. Außerdem kann man jetzt an mehreren Gesprächen gleichzeitig teilnehmen, anstatt alles nacheinander zu tun. In diesem Sinn ermöglicht uns Social Media, unser Selbst und unsere Interessen breiter zu streuen. Aber sie verlangen auch, dass man ständig geistig angeschaltet ist; fähig, ständig die Gruppen zu wechseln. Dass man kaum die Zeit findet, tiefsinnige Gespräche zu führen. Weil man warten muss, bis der andere fertig getippt hat. Oder der Messenger wieder funktioniert. Ich bewundere Leute, die es schaffen, durch sowas echte Nähe entstehen zu lassen. Mein letztes tiefsinniges Gespräch fand tatsächlich am Telefon statt.

Andererseits werden all diese Tools von sehr vielen Menschen genutzt – egal, wie technikaffin sie sind. Mit einer Anmeldung kann man sich mit Tausenden über Mode, Modellautos oder die Heimatstadt unterhalten. Und obwohl bereits einige Influencer:innen Facebook weniger nutzen, weil die Reichweite zu gering ist, generieren Instagram und Facebook viel Aufmerksamkeit. Durch Werbekampagnen der Firmen, aber auch durch Nutzer:innen, die darüber in Gruppen oder auf ihrem privaten Profil reden. Ob das wirtschaftlich rentabel ist, darüber kann man streiten. Aber es ist viel Energie, die Menschen zum Denken und Kaufen anregt.

Digitales in Reales

Ich weiß nicht, was ich von der Störung halten soll. Ich lese viele Kommentare, die sich darüber lustig machen. Aber vielleicht sind das nur die Menschen, die ähnlich viel Zeit auf News-Webseiten verbringen wie andere in sozialen Medien. Die sich für bedeutsam halten, indem sie sich aufregen. Als Nutzer:in hat man es sich auf Facebook gemütlich gemacht. Und es würde viel verloren gehen, wenn die Website plötzlich gelöscht wäre – Erinnerungen, Kontakte, ein Teil des Lebens. Aber vielleicht hat uns die Störung gezeigt, dass wir immer ein Backup haben sollten. Und doch zur Brieftaube zurückkehren.

Text: Vivian Herzog

Foto: Amac Garbe

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