Jugend im Jetzt

Ich traf Jeremy in einem Restaurant auf einer Burganlage in Deutschland. Gemeinsam mit seiner besten Freundin Amina hatte er nach einem freien Tisch in einem überfüllten Etablissement für süddeutsche Cuisine Ausschau gehalten und war schließlich neben mir gelandet. Während sich Jeremy an einer veganen Schweinshaxe vergnügte und ich mich fragte, ob mein Wiener Schnitzel nicht mehr Deko verdient hätte als ein Blättchen Petersilie, philosophierten Jeremy und Amina über die Zukunft. In wenigen Monaten würden sie Abitur machen und dann stünde ihnen die Welt offen. Europa wollten sie bereisen, Asien und Afrika. Und Malta, weil das Land beim diesjährigen Eurovision Song Contest ein Zeichen für Diversität gesetzt hätte. Und die Menschen sollten sich doch lieben, erklärte Jeremy, unabhängig von Hautfarbe, Gewicht und sexueller Präferenz. Außerdem wollte sich Jeremy die Haare blau färben und ich wiederum hoffte, dass er später, wenn die Tönung verblasst, den richtigen Punkt zwischen Mint- und Schimmelgrün erkennen würde.

Als ich ihn sitzen sah, mit seinem alkoholfreien Bier und der veganen Haxe, kam mir Jeremy ein bisschen naiv vor. Warum glaubte er, die große weite Welt sei die Erfüllung des Lebens? Hing er einem Ideal nach, das voraussetzte, dass man Geld hatte und mindestens einer gängigen Fremdsprache mächtig war? Oder wollte er das Privileg, das man sich binnen Europa frei bewegen kann, wertschätzen, geradezu zelebrieren? Und überhaupt: Warum in die Ferne schweifen, wenn wir in Deutschland so viele Burgen, Museen, Ausgrabungsstätten und Künstler haben, dass all die Eindrücke für eine siebenwöchige Doku im Fernsehen reichen würden? Sofern man ein Auto und/oder eine hohe Frusttoleranz gegenüber den öffentlichen Verkehrsmitteln hat. Gleichzeitig bewunderte ich seinen Mut. Während für mich eine Reise nach Hannover schon eine große Sache war, wollte Jeremy selbstverständlich weiter. Und mit 17 wollte ich nicht auffallen, sondern haderte damit, dass ich meine ganze Schulzeit lang nicht angepasst genug war. Erst später sollte ich aus Trotz über eine zerbrochene Beziehung tatsächlich zum Farbtopf greifen. Jeremy kam mir in diesem Moment erstaunlich reif vor.

Ich traf Linda in der Straßenbahn. Besser: Ich musste ihr zuhören, während Linda den Mann im Fahrgastfernsehen missachtete, der in gestellter Haltung dafür warb, dass eine Bahn keine Bühne sei. In einer Welt, in der Authentizität einen höheren Stellenwert hat, eine kluge Botschaft, durchaus verständlich. Die junge Frau wirkte auf mich wie eine Mischung aus Insta-Story und Dr. Sommer, als sie ihren aufrichtig zuhörenden Freundinnen erklärte, sie habe sich von ihrem Freund getrennt. Denn dieser hätte mehrmals verlangt, dass sie nach Schule, Hausaufgaben und Hobbys, also spätabends, zu ihm an den Stadtrand fahren sollte. Und warum ihre Freundinnen ihr denn so wichtig seien. Und obwohl es mich nervte, dass Linda mich an diesem Morgen aus meiner Routine riss, respektierte ich sie. Zeit ist kein steuerfeies Einkommen, das man hat und beliebig aufteilen kann. Zeit ist wertvoll, Menschen auch. Und Beziehungen keine Einbahnstraße. Und wenn mir jemand am Herzen liegt und es schwer wird, sich zu treffen, dann kann ich vorschlagen, dass er sich ändert – oder selbst einen Kompromiss suchen. Partner gehen, Anziehung verschwindet, Erinnerungen bleiben. Aber Freundschaften können strapazierfähig sein – und nicht an einem vollen Terminplan scheitern. Ich hatte in ihrem Alter keinen Freund, und als ich später Partner hatte, bin ich viele Kompromisse eingegangen, bei denen ich heute mehr verlangen würde. Dass Linda für sich und ihre Freundinnen gekämpft hat, ließ sie in meinen Augen erstaunlich reif wirken.

Natürlich sind diese Erlebnisse nur Beispiele, Eindrücke aus meinem Alltag. Aber oft höre und lese ich, „die Jugend“ sei vieles. Zu faul für harte Arbeit, nicht leidensfähig genug. Mehr am Klimawandel interessiert als an Bildung. Sie würde Influencer für einen erstrebenswerten Beruf halten und sie sei, was den eigenen Körper betrifft, überinformiert und verklemmt gleichzeitig. Aber vielleicht sollten wir das Prisma drehen. „Die Jugend von heute“ hat Zugriff auf so viele Informationen – aber sie braucht mehr als einen Algorithmus, um zu filtern, was wichtig ist. Sie braucht unsere Erfahrung, weil wir keine Konkurrenz zum Internet sind, sondern nur ein anderes Medium. Die Jugend von heute spricht aus, was wir als selbstverständlich hingenommen haben. Natürlich sind wir tolerant, aber muss denn jeder seine Periode oder Bisexualität in eine Kamera halten? Die Jugend von heute ist manchmal klüger als wir, weil sie mit all den Möglichkeiten aufwächst, die vor Jahren noch verpönt waren. Weil sie noch träumt. Weil sie Ideale hat, die in unserem Alltag zu Staub zerrieben wurden. Vielleicht haben wir Angst vor ihnen. Wir haben Angst vor der Zukunft, fühlen, dass sie uns im Alter entgleitet. Und müssen darauf vertrauen, dass die nächste Generation das macht. Aber vielleicht ist es nicht unsere Aufgabe, sie in richtige Bahnen zu lenken, sondern dafür sorgen, dass sie gut leben können. Die Umwelt beschützen, aber auch Strukturen in der Gesellschaft und auf dem Arbeitsmarkt aufbrechen. Berufe attraktiver machen, Arbeitsbedingungen verbessern. Nicht nur über Toleranz reden, sondern sie schaffen. Vielleicht sollten wir sie nicht be-, sondern unterstützen.

Text: Vivian Herzog

Foto: Amac Garbe

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