Filmtipp des Monats: Anmaßung

Knapp einen Monat sind die Kinos wieder geöffnet und werden teilweise von Filmen geflutet. Wer weiß, wie lange diese offenbleiben. Sich in diesem Filmdschungel durchzuschlagen, das ist gar nicht so einfach. Und für einen stillen Dokumentarfilm wie „Anmaßung“ von Chris Wright und Stefan Kolbe wird es doppelt schwer.

2015 lernen Chris Wright und Stefan Kolbe, der in Halle an der Saale geboren wurde, ihren Protagonisten kennen. Stefan S. sitzt in der Justizvollzugsanstalt Brandenburg an der Havel, verbüßt eine lebenslange Freiheitsstrafe für den Mord an einer Frau. Für den Therapieansatz in der JVA interessieren sich die Filmemacher, besuchen die Therapiegruppe Männlichkeit und Identität.

Stefan S. indes will nicht in Gänze vor die Kamera, will nicht erkannt werden. Zwei Puppenspielerinnen mit einer geliehenen Puppe versuchen sich an einer Annäherung. Die Puppe blicke grimmiger drein als sein Klient, sagt der Therapeut Steven Feelgood.

Über die Kindheit von Stefan S. nähern sich die beiden Filmemacher dem Täter an. Über seine frühkindliche Krankheit, seine schwere Schulzeit, den frühen Berufseinstieg. Dann der Mauerfall und der Wegzug nach Bayern. Dort lernt er auf der Arbeit sein Opfer kennen.

Über die Tat erfahren Zuschauer:innen lange nichts. Stattdessen wird das Wesen von Stefan S. skizziert. Aber je mehr man erfährt, desto mehr bekommt man das Gefühl, ihn nicht zu durchschauen. Dass es da eine Mauer gibt, und dahinter eine Maske. Er bittet die Filmemacher immer wieder um Gefallen, nutzt sie als Tür nach draußen. Kommt ihrem Leben immer näher, so dass man ihr Unwohlsein fast greifen kann. Und doch ist all dies eher ein Gefühl als beweisbares Material. Jede Annäherung eine Anmaßung. Der Film durchaus subjektiv.

Im letzten Drittel des Films, der seine Uraufführung bei der diesjährigen Berlinale erlebte, erfahren wir vom Tathergang. Eine Einschätzung bleibt nach wie vor schwierig. Übrig bleiben die Fragen: Wann darf ein Straftäter wieder auf freien Fuß? Und welche Gefahr geht dann selbst nach jahrelanger Therapie noch von ihm aus? Fragen, die selbst Steven Feelgood nicht eindeutig zu beantworten vermag.

Text: Nadine Faust

Foto: GMfilms

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