Drei-Musiker:innen-Mosaik

Seit 2018 verwöhnt die Band STANDARD CROW BEHAVIOR die Zuhörer:innen in Dresden und dem Rest Deutschlands mit handgemachtem Folk. Am 16. April 2021 erschien ihr Debüt-Album „Talking to Space“ einschließlich eines digitalen Release-Konzerts zwei Tage später. Das deutsch-amerikanische Trio vereint mit Judith Beckedorf und Filip Sommer zwei Absolvent:innen der Hochschule für Musik Carl-Maria von Weber mit Steve Voltz, der an der State University of New York in Geneseo studiert hat.

Treffen über neun Ecken

Begegnet sind sich die drei auf verschiedenen Veranstaltungen. Steve Voltz erzählt: „Ich habe Judith bei einem Gitarren-Konzert eines gemeinsamen Kumpels in Dresden kennengelernt. Judith war in Nashville und da ich aus den USA komme und mein Bruder zu der Zeit Folk und Bluegrass in Dresden gespielt hat, war Judith gleich interessiert.“ Judith Beckedorf und Filip Sommer trafen bereits im Sommer 2015 beim Freepsumer Gitarrenfestival im Norden Deutschlands aufeinander, wo sie jeweils mit verschiedenen Projekten spielten. Filip Sommer berichtet: „Ich hatte mich ohnehin viel mit Folk beschäftigt. Und dann haben Steve und ich von beiden Seiten auf sie eingewirkt, dass wir eine Band gründen.“ „Das war echt ein krasses Timing“, fügt Judith Beckedorf hinzu und lacht.

Folk vereint

Ähnlich einig sind sich die drei bei ihrem Weg zu Folk und Bluegrass. Steve Voltz erklärt: „Ich bin mit der Musik von JAMES TAYLOR und Bluegrass-Typen wie TONY RICE und BILL MONROE aufgewachsen. In meiner Gegend, in Long Island, hört man das nicht so oft, das ist kein typisches Bluegrass-Gebiet, aber es gibt Leute, die es mögen. Folk spricht jeden an, jeder kann mitspielen, jeder kennt die Songs.“ Filip Sommer ergänzt: „Ich habe bei Folk immer das Gefühl, dass das die ursprünglichste Form eines Songs ist. Und dass das trotzdem in sich eine Komplexität hat, die ich mit großer Symphonik vergleichbar finde, wenigstens auf einer emotionalen Ebene. Dass ich von einer Bruckner-Symphonie ähnlich ergriffen sein kann wie von einem einfachen und wunderschönen Folk-Song. Es ist Musik, die extrem nach vorn gehen kann, ohne dabei laut zu sein.“

Engagement beim Arrangement

Und genau diese Komplexität macht die Songs so vielschichtig und den Probenprozess interessant. Meist schreiben die drei die Songs solo, mit Text, Melodie und Akkorden, und arbeiten das Arrangement dann gemeinsam aus. Steve Voltz beschreibt das am Beispiel von „Gone for Good“: „Ich habe den Song für mich alleine geschrieben und hatte keine Vorstellung, was wir instrumental machen können. Dann haben sich die beiden einfach etwas ausgedacht.“ Oder, wie Judith Beckedorf formuliert: „Das ist, als würde man drei Puzzles auf einmal lösen, in drei unterschiedlichen Farben.“ Während sich Steve Voltz meist um das Anordnen der Gesangsstimmen kümmert, das „Reiben und Auflösen von Reibung“, wie Filip Sommer beschreibt, tüfteln Judith Beckedorf und Filip Sommer an der Instrumentalisierung. „Wir bringen uns damit reihum zur Verzweiflung, weil wir große Probleme haben, Songs fertig zu arrangieren, im positiven Sinne“, erklärt Judith Beckdorf und lacht. Ein Prozess, der auch nach der Veröffentlichung nicht endet. So haben die drei den Song „Al Capone“ für das Release-Konzert des Albums nochmals bearbeitet, weil er sich so besser anhörte.

Hinzu kommt, dass Filip Sommer in Leipzig wohnt, Judith Beckedorf und Steve Voltz in Dresden. Proben können daher statt eines Abends ein ganzes Wochenende dauern. Eine weitere Herausforderung sind die besagten fünf verschiedenen Instrumente. Steve Voltz spielt Gitarre, Filip Sommer Bratsche, Gitarre, Mandoline und Fidel, Judith Beckedorf Gitarre, Mandoline und Banjo. Zählt man unterschiedliche Gitarren für unterschiedliche Stimmungen hinzu, ergibt das viel Gepäck, aber auch viel Kreativität – denn jede:r spielt ein Instrument anders und gibt dem Song damit eine andere Farbe.

Ideen, die Texte schreiben

Die Inspiration für die Texte kommt von verschiedenen Seiten. Judith Beckedorf sieht das eher offen: „Es gibt keine Festlegung. Ein Song kann über alles sein. Sie sind einfach von ihrer Zeit beeinflusst. Wenn ich über Klimawandel nachdenke, dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass auch ein Song über dieses Thema entsteht.“ Ein Beispiel dafür ist „It Is Coming“, das im Refrain fragt, wer die Welt retten wird.

Steve Voltz dagegen greift auf Kenntnisse aus seinem Geschichtsstudium zurück: „Ich finde es nicht leicht, Sachen über mich oder mein Leben zu schreiben. Ich ziehe mich gern zurück in Geschichte und dort finde ich echt viele coole Themen.“ Und für Filip Sommer sind es die Dinge, die erst mal nicht im Auge der Betrachter:innen liegen, sondern daneben: „Ich glaube, ich setze mich nur dran, wenn ich grade ein Thema habe, das ich gern künstlerisch verpacken will. Das sind aber meistens nicht die Themen, die viel diskutiert werden, denn das will ich im sprachlichen Austausch mit anderen machen. Es sind eher Themen, die ich aufschnappe.“

Ein Album und seine Geschichte

Daher pendelt das Album „Talking to Space“ zwischen dem träumerischen „Paradise“, das an einen Film-Soundtrack erinnert, gesellschaftskritischen Liedern wie „It Is Coming“ und Texten, die von der Natur inspiriert sind, wie „Images of an Unnamed Village in the Styrian Alps – May 24th, 1929“. Auffällig ist dabei, dass die drei oft zusammen singen, die Stimmen sich hörbar unterscheiden, aber nicht gegeneinander, sondern miteinander arbeiten.

Eigentlich sollte das Album bereits im September 2020 erscheinen, aber ein Album ohne Release-Konzert kam nicht in Frage. Daher verschob die Band, deren Namen sich aus einem Sketch in der amerikanischen Radio-Show „Live from Here“ ableitet, in dem eine Frau von Krähen aufgehalten wird, die Veröffentlichung immer weiter. „Und dann lag die Musik schon 14 Monate auf Festplatten rum und es wurde einfach Zeit, dass sie rauskommt, damit auch Platz für Neues ist“, erklärt Judith Beckedorf. Da die klassische Finanzierung über Konzerte aufgrund der Corona-Maßnahmen nicht möglich war, wählten die drei ein Crowdfunding über Kickstarter. Dabei konnten die Unterstützer:innen u. a. ein handsigniertes Foto erwerben, ein Arrangement eines selbstgewählten Songs oder eine Abschrift eines Songtextes vom Album, handgetippt auf der Schreibmaschine von Filip Sommer. Insgesamt kamen 11.167 Euro von 173 Spender:innen zusammen. Ein Ergebnis, für das Judith Beckedorf sehr dankbar ist: „Das ist nicht selbstverständlich in einer Zeit, in der alle entbehren, dann noch für Musik oder eine CD Geld auszugeben.“

Ein Mikro macht eine Band

Das Release-Konzert fand schließlich in der Bar Madness auf der Louisenstraße statt. Ohne Publikum, aber mit Moderator Ronny Wunderwald. Dieser las live Fragen von den YouTube-Zuschauer:innen vor und die Band antwortete. Steve Voltz sieht darin einen Vorteil: „Es ist unterhaltsamer, weil zwischendurch immer etwas passiert. Man hat viel mehr Interaktion. Wenn wir wie sonst zu dritt vor dem Mikro stehen, können wir nicht alles gleichzeitig machen. In dem Moment können wir nur Musiker sein, und jemand anders kümmert sich um das Drumherum. Und das macht viel aus.“ Für Judith Beckedorf hatte das Konzert noch ein weiteres Aha-Erlebnis: „Ich habe durch den Musik-Entzug noch mehr wertschätzen gelernt, wie viel Spaß es macht, wenn man zusammen Musik macht.“

Beim Release-Konzert konnten die Zuschauer:innen die Band, dank negativer Corona-Tests, in gewohnter Konstellation vor einem einzelnen Mikro erleben. Bei anderen Konzerten im Rahmen der Maßnahmen war das nicht so. Filip Sommer erzählt: „Da hat jeder einen eigenen Spielplatz gehabt, ein Gesangs- und manchmal ein Instrumenten-Mikrofon, und das war für uns eine neue Erfahrung, weil man dann auf den Tontechniker angewiesen ist, der die Band gut kennt und weiß, was am Ende klanglich herauskommen muss.“ Steve Voltz ergänzt: „Wenn wir auseinander stehen, fühlt sich das plötzlich nackt an, nicht als Einheit.“ Und Judith Beckedorf sieht einen praktischen Nachteil: „Wenn man Harmoniestimmen synchron singen will, dann guckt man, wann der andere atmet, und fängt an zu singen. Das ist schwieriger, wenn man den visuellen Kontakt nicht hat.“

Vom Studium zur Musik

Kontakte sind es auch, die die drei aus ihrem Studium mitgenommen haben. Steve Voltz berichtet: „Ich habe die Aufnahme von ‚Spotswood Rice‘ an meinen Professor geschickt, weil ich in seinem Kurs auf die Figur kam. Und er hat es gleich auf Twitter geteilt.“ Für ihn war das Studium auch wertvoll, weil er sich währenddessen das Gitarrespielen beigebracht und erste Auftritte bei Open Mics absolviert hat. Judith Beckedorf hat einen Bachelor in Akustische Gitarre gemacht und dabei ein Jahr in Nashville verbracht. Jetzt studiert sie im Master Akustische Gitarre und Musikpädagogik. Sie erzählt von ihren Erfahrungen: „Akustische Gitarre hier in Dresden ist ein besonderer Studiengang, weil er nicht Klassik oder Jazz, sondern sehr flexibel ist, mit sehr guten Lehrern, die auch sehr unterschiedlich sind. Der Sinn des Studiums ist, dass man viele Sachen kennenlernt und guckt, was davon zu einem passt. Ich hatte Glück, dass ich in einem Studiengang gelandet bin, wo das gefördert wird.“

Filip Sommer hat Bratsche in Dresden studiert und dann zwei Jahre Freie Improvisation an der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“ in Leipzig. „Ich habe nach dem vierten Studienjahr ein Jahr Pause gemacht und keine Klassische Musik gespielt. Ich habe einfach andere Sachen ausprobiert – Schlagzeugunterricht, Gitarre. Das war ein extrem gutes Jahr, was das letzte Jahr Studium auch leichter gemacht hat, weil ich wusste, dass ich das abschließe und dann kann ich weiterziehen. Und es war eine ganz gute Kontaktschmiede. Ich spiele bis heute mit Leuten zusammen, die ich vor elf Jahren im Studium kennengelernt habe.“

Und so vereinen sich in den 49 Minuten und 27 Sekunden des Albums drei Menschen mit unterschiedlichen Wegen und unterschiedlichen Themen in einer einzigen Art, Musik zu erschaffen. Harmonisch, differenziert und mit einem guten Gefühl. Möge das erste Album nicht das letzte sein.

Text: Vivian Herzog

Foto: Amac Garbe

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