Die TUD braucht ein Institut für Genderstudies

Wenn wissenschaftliche Fragestellungen aus einer Genderperspektive untersucht werden, dann stellt sich dabei fast immer heraus: Fundamentale Grundannahmen, von der Zusammensetzung des Forschungsteams bis hin zur Zielgruppe, sind in der aktuell bestehenden Forschung nicht egalitär, sondern männlich dominiert. Diese Feststellung gilt auch für scheinbar technische Fragestellungen und solche, die der Grundlagenforschung zugerechnet werden. Die TU Dresden bildet bei diesem Problem keine Ausnahme, sondern stellt eher ein Paradebeispiel dar.

Chancen(un)gleichheit bei den Professuren

Das lässt sich festmachen am Frauenanteil bei den Professuren der TU Dresden: Laut dem hauseigenen Gleichstellungskonzept liegt der fakultätsübergreifend bei gerade einmal 15 Prozent (Stand 2017). Die TU Dresden war deswegen auch 2019 in den Negativschlagzeilen. Basierend auf Erhebungen des privaten Bildungsanbieters WBS-Gruppe lag der Professorinnen-Anteil an der TU Dresden im Jahr 2018 sogar nur bei 13,88 Prozent und damit im deutschlandweiten Vergleich der 37 größten Hochschulen und Universitäten auf dem drittletzten Platz. Übrigens schafften es auch die Spitzenplätze, allen voran die FU Berlin, nicht über einen Professorinnen-Anteil von 38 Prozent.

An der TU Dresden ist in der Elektrotechnik der Frauenanteil bei Professor*innen dieses Jahr von 0 auf 3,8 Prozent gestiegen. In manchen Fakultäten bleibt der Frauenanteil aber bis heute bei unfassbaren 0 Prozent, z. B. in der Fakultät Bauingenieurwesen.

Bei solchen Zahlen hilft es nicht mehr zu argumentieren, dass doch ohnehin ein leichter Männerüberschuss an der TU Dresden herrsche – 2018/19 hatte die TU Dresden ca. 18.000 männliche und 14.000 weibliche Studierende immatrikuliert. Denn selbst in Studiengängen wie Medizin, in die sich jedes Jahr doppelt so viele Frauen wie Männer einschreiben, liegt der Frauenanteil schon bei den Habilitationen nur noch bei einem Viertel und der Anteil der Professor*innen bei beschämenden 15,2 Prozent.

Ungleiche Teams führen zu ungleicher Forschung

Die Ursachen für dieses Ungleichgewicht sind vielfältig und würden den Rahmen unserer Kolumne sprengen. Um es kurz zu machen: Patriarchy is still going strong. Dass die daraus resultierende Forschung patriarchalen Strukturen unterliegt, wird schon kritisiert, seit es feministische Bewegungen gibt. Angefangen damit, dass Frauen sich das Recht zu vollem Zugang zu Universitäten noch bis in die 1920er Jahre erkämpfen mussten, wurde in Reaktion auf anhaltende Ungerechtigkeiten in den 1960er Jahren eine eigene feministische Wissenschaft entwickelt. Mit der feministischen Wissenschaftskritik der 1980er wurde dann der Frontalangriff auf das wissenschaftliche Weltbild gestartet, das Männer ständig als Zentrum, Maßstab und Norm versteht. Ein Weltbild, das nach Perkins Gilman (1911) im Folgenden Androzentrismus genannt wird.

Die nach wie vor aktuelle feministische Wissenschaftskritik der 80er lautet:

  1. Durch den späteren Zugang zu Universitäten und anhaltende Geschlechterungerechtigkeiten sind Frauen in der Forschung unterrepräsentiert.
  2. Der dadurch automatisch vorherrschende Androzentrismus führt dazu, Problemstellungen einseitig auszuwählen und zu definieren. Wissenschaftliche Experimente basieren daher auf einseitig gewählten Faktoren.
  3. Aufgrund der Punkte 1 und 2 muss die Objektivität und Rationalität der Wissenschaften infrage gestellt werden. Wissenschaft wird dem eigenen Anspruch nach Allgemeingültigkeit nicht gerecht.

Wir haben es also nicht nur mit einem Problem von offensichtlicher Chancenungleichheit zu tun. Die Seriosität von Forschung, die an der TU Dresden stattfindet, kann auf Grund überwiegend männlicher Sichtweisen und Voreingenommenheit nicht garantiert werden.

Handlungsmöglichkeiten

Die naheliegendste Lösung des Problems wäre es, den Frauenanteil unter Forscher*innen auf 50 Prozent anzuheben. Das hat auch die TU Dresden in ihrem Gleichstellungskonzept begriffen.

Aber selbst wenn das selbst erklärte Ziel, bis 2030 den Frauenanteil unter Professor*innen auf 23 bis 29 Prozent zu steigern, erfolgreich sein sollte – und hierbei handelt es sich lediglich um ein ambitioniertes Ziel –, dann bedeutet das eine männerdominierte Forschung bis weit in die 2030er Jahre hinein. Ein gendersensibler Perspektivwechsel in allen Fachbereichen ist schon vorher unbedingt notwendig.

Deswegen braucht es an der TU Dresden ein Institut für Genderstudies oder eine vergleichbare Einrichtung für interdisziplinäre Geschlechterforschung. Wir müssen gezielt wissenschaftliche Expertise fördern, die blinde Flecken an allen Fakultäten kritisiert. Es braucht Sichtbarkeit für das Thema Gender in der Forschung. Andernfalls wird die TU Dresden ihrem eigenen Exzellenzanspruch nicht gerecht.

Zusätzlich kann das Thema Gender als ein Türöffner für das Bewusstsein von verschiedenen Diskriminierungsformen an der TU Dresden wirken. In der heutigen Geschlechterforschung kommt der Intersektionalität eine zentrale Rolle zu, also der Verschränkung verschiedener Diskriminierungsformen, die überadditiv wirken. Eine Vorreiterrolle nimmt bereits die GenderConceptGroup an der TU Dresden ein. Hierbei handelt es sich um einen Zusammenschluss von Professor*innen mit Expertise im Bereich Geschlechterforschung bzw. Genderstudies, die aus den Geistes- und Sozialwissenschaften kommen. Das allein reicht allerdings nicht aus. Auch scheinbar rein technische Fragestellungen können in Kombination mit dem interdisziplinären Ansatz der Geschlechterforschung eine fundamental andere Ausrichtung bekommen. Dazu sind alle Leser*innen herzlich eingeladen, sich zwei überraschende Beispiele gendersensibler Forschung genauer anzuschauen: Von der TU Brauchschweig eine Studie zum Thema Mobilität und selbst fahrende Autos und von der University of Oregon eine Studie zum Thema Klimawandel und Gletscherforschung.

Forderung

Es braucht institutionelle Verankerungen für gendersensible Forschung, sonst muss sich die TU Dresden die bereits genannten Vorwürfe aus den 1980er Jahren gefallen lassen, sonst ist die Universalität der Forschung nicht gegeben.

Es ist Aufgabe der TU, wissenschaftliche Standards in Lehre und Forschung zu garantieren. Und zu diesem Zweck ist es auch ihre Aufgabe, 1. eine vorherrschende mangelnde Gendersensibilität in der Forschung als Problem anzuerkennen, und 2. eine Institution zu schaffen, die interdisziplinär das Thema Gender in den Fokus rückt.

Gerade in Zeiten eines europaweiten Rechtsdrucks, in denen z. B. in Ungarn und Polen die Geschlechterforschung von Reaktionären und Faschist*innen angegriffen und verboten wird, gilt es, sich für ein kritisches Hinterfragen der eigenen wissenschaftlichen Praxis einzusetzen und geschlechtergerechte Ansätze mit starker Forschung zu unterstützen.

Text: WHAT

Foto: Amac Garbe

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