Kunst gesehen in Kunstmuseen

Es ist seit Jahren immer wieder dasselbe Bild: Ich besuche eine Kunstausstellung, stehe ehrfürchtig vor einem Bild, versinke in der zweizeiligen englisch-deutschen Beschreibung und Gedanken wabern durch meinen Kopf. Was hat sich der Künstler dabei nur gedacht? Was hat sich der Kurator dabei gedacht, das Bild hier auszustellen? Und wenn alles so kühl und clean ist, warum habe ich kein schickes Papierhäubchen und Überzieher für meine Schuhe?

Ernsthaft: Ich liebe Kunst, aber ich hasse Kunstmuseen. Sie sind wie Menschen, die mich erfreuen, zu Höchstleistungen anspornen und mich dann enttäuschen oder verletzen. Ich liebe Kunstmuseen, weil ich Bilder gern real sehe. Das kann ein digitaler Rundgang, wie sie zu Beginn des ersten Shutdowns veröffentlicht wurden, nicht reproduzieren. Weil ich die Kunstwerke aus verschiedenen Winkeln betrachten, Pinselstriche und Farbschichten erkennen will. Weil ich es liebe, unter einer Spur aus Temperafarbe noch die Vorzeichnung mit dem Bleistift zu erahnen. Weil ich dem Künstler-Kopf beim Komponieren zugucken und ein Stück mitgehen kann. Weil ich Menschen dabei betrachte, wie sie mit Leidenschaft etwas tun, das für andere nichts wert ist. Weil bestimmte Farben, Anordnungen, Formen in mir Gefühle auslösen, die ich manchmal einordne, oft nur betrachte, während sie in mir herumwabern und ein wohliges Schnurren auslösen.

Bei jedem Städtetrip muss mindestens ein Museum besucht werden, am liebsten mit moderner Kunst. Und dann stehe ich in kaltweiß ausgeleuchteten Räumen, in denen jedes Bild an einer scheinbar sauberen Wand hängt, damit man sich nur darauf konzentrieren kann. Die Bilder kommen mir oft vor wie im Zoo – man kann sie studieren, aber sie wirken nicht wie in ihrer natürlichen Umgebung. Eher, als hätte man sie herausgerissen.

Es gibt Künstler, wie Mark Rothko, die bestimmte Anweisungen notiert haben, in welchen Räumen und wie ihre Kunstwerke zu hängen sind, damit sie die Wirkung erzeugen, die sich der Künstler ausgedacht hat. Real ist das wohl oft nicht umsetzbar. Es gibt Gemälde, die eher für das heimische Wohnzimmer gedacht waren, mit Kamin und Kerzen und Leben, als für kühle Räume, in denen die Luftfeuchtigkeit peinlich genau gemessen wird. Manchmal frage ich mich, ob selbst-zerstörende Kunst nicht ein Ausweg wäre. Zu akzeptieren, dass ein Kunstwerk verwittert und dafür etwas Neues entsteht. Dass wir nicht Jahrhunderte alte Bilder in Säle sperren, während junge Künstler in Studentenclubs dafür kämpfen, gehört zu werden.

Vor allem lässt mich der Anblick eines Bildes vor einer kahlen Wand mit dem Gefühl der Ratlosigkeit zurück, weil ich es nicht einordnen kann. Es gibt Museen, die erklären die Epoche, stellen eine Biografie zum Künstler zur Verfügung. Und es gibt Museen, die sich auf Titel und Technik beschränken. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich den roten Faden mancher Ausstellung nicht erkennen kann?

Mich setzt ein einzelnes Bild unter Druck. Ich sollte die Essenz des Künstlers und dessen Bedeutung für die Ausstellung doch an einem Bild festmachen können. Ich sollte das zu würdigen wissen. Und wenn es mir nicht gefällt, sollte ich zumindest irgendwas darin erkennen können. Meistens kann ich auch niemanden fragen – tote Künstler reden nicht. Darf ich dann einfach weitergehen? Darf ich feststellen, dass mir das Dunkelsilber, dass der Künstler verwendet hat, gut gefällt, aber die Kästchen, die er damit auf Sandpapier gemalt hat, nichts sagen? Darf ich Weltkugeln, die von der Decke hängen, komisch finden? Oder Spiegeleier aus Epoxidharz auf dem Boden wegwischen wollen? Darf ich eine komplette Ausstellung doof finden?

Was mich aber am meisten nervt: Ich bin zur Passivität verdammt – ich darf Kunst angucken, aber nix machen. Denn meistens sagen mir die Bilder etwas, wenngleich das nicht unbedingt das ist, was der Künstler damit gemeint hat. Sie inspirieren und motivieren mich, mich mit der Technik auseinanderzusetzen. Sie regen mich zu Fragen über den Künstler an. Selbst die Anordnung der Gemälde im Ausstellungsraum kann so interessant sein, dass ich das festhalten will.

Mit einem Smartphone ist es heutzutage wesentlich einfacher, Skizzen zu malen, aber Fotografieren wird in der Mehrzahl der Ausstellungen, die ich besucht habe, kritisch gesehen. Ich will weder Fotos der Bilder ins Internet stellen noch mit einem Blitz die Verwitterung beschleunigen – ich will nur meine Sicht festhalten und damit Kunst schaffen und Spaß haben. Ich habe nur wenige Museen erlebt, in denen man sich aktiv mit Kunst, mit all den Eindrücken auseinandersetzen kann – meist als Malecke für Kinder. Warum darf mich Kunst berieseln, aber wenn ich sie tatsächlich machen will, hat das im Museum keinen Platz? Vielleicht wäre es am besten, ich würde mit verschränkten Armen, wippendem Gang und Kennerblick durch die Räume schlendern?

Andererseits: Das ist nur eine Meinung von vielen. Ich mag Kunst, wenn ich sie nicht nur betrachten, sondern auch machen kann. Ich mag es, wenn ein Bild eine Kaskade an Eindrücken auslöst, die wirken und sich verlieren und ihre Spuren hinterlassen. Es gibt aber auch Menschen, die das Gegenteil schätzen – die Ruhe in den Räumen, die nur vom zärtlichen Rattern des Luftfeuchtemessgeräts unterbrochen wird. Dass die Außenwelt weggesperrt ist und man sich mit all seiner Zeit und Aufmerksamkeit dem widmen kann, was man am liebsten mag. Dass man in Bildern versinkt, bis man jedes Detail erschlossen hat. Dass man nichts tun muss, außer dastehen und gucken. Dass man ein Bild, das man nur aus Büchern oder dem Internet kennt, endlich real betrachten und seine Wirkung genießen kann. Das große Einatmen.

Vielleicht schaffen es Museen irgendwann, beide glücklich zu machen. Input zu liefern und Output zuzulassen.

Text: Vivian Herzog

Foto: Amac Garbe

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