Zwei Wege sind ein Anfang

Wenn ich Interviews mit Bezug zur Uni führe, dann kommt früher oder später mein kleines, dunkles Geheimnis ans Licht: Ich habe nicht studiert. Meinen ersten Hörsaal habe ich 2016 von innen gesehen, als ich zur TU-Weihnachtsfeier die wohl beste Performance eines Rentiers mit Blinklicht in der Geschichte des Hörsaalzentrums absolvierte. Und ich habe natürlich die Bologna-Diskussion mitverfolgt. Aber eigentlich komme ich aus einer anderer Welt.

Wie viele Menschen mit Freude am Lernen habe ich Abitur gemacht und stand dann vor der wichtigen Entscheidung, was aus mir werden sollte. Später sollte ich erfahren, dass die meisten meiner studierten Klassenkameraden danach noch einen anderen Weg eingeschlagen haben. Aber für mich war es in diesem Moment eine der größten Entscheidungen, die ich in meinem jungen Leben getroffen hatte, gleichauf mit der Frage, ob ich mir die Haare von mittelbraun auf kirschrot färbe. Ich habe gehadert, aber mich letztlich für eine Ausbildung in der Wirtschaft entschieden, weil ich erst einmal verstehen wollte, wie die Welt um mich herum funktioniert. Ich wollte heraus aus meiner Blase.

Ich entschied mich für eine duale Ausbildung, also tageweise im Betrieb und in der Berufsschule. Glücklicherweise fand ich ein tolles Unternehmen, in dem ich fachlich und menschlich viel lernen konnte. Emotional war das für mich jedoch ein Kulturschock. Denn plötzlich wurde ich an meinem Verhalten gemessen – Leute grüßen, auch wenn man sie nicht kennt; aufmerksam sein; Kollegen erklären lassen; Aufgaben so lösen, wie man es gelernt hat, bevor man eigene Methoden entwickelt. Das Nesthäkchen zu sein. Während des Abiturs konnte ich zwischen 150 Leuten problemlos untertauchen. Keiner hat Wert darauf gelegt, wie ich mich gebe, solange ich den Unterricht nicht störe. Leistung bringen: Das war das Ziel; das war die Einheit, in der gemessen wurde. In der Berufsschule war das alles nicht mehr wichtig. Meine Klassenkameraden hatten manchmal Abitur, manchmal einen Realschulabschluss. Entsprechend war der Unterricht gestaltet: Uns wurde fast alles vorgegeben, meine Bücher waren in manchen Fächern nur Deko im Schrank, und was Schüler im Informatikkabinett machen, wenn ihnen langweilig ist, das bleibt auch da. Am Gymnasium hatte man mich darauf trainiert, mir Wissen selbst beizubringen. Der Lehrer lehrt das Mindeste und wer mehr Übung braucht, darf auch mehr machen.

Andererseits ist auch Berufsschule Schule: regelmäßige Raucher- und Trinkpausen sowie Fächer wie Sozialkunde oder Sport, in denen man sich mit den anspruchslosen Dingen des Lebens beschäftigen kann. Ein bisschen fühlte sich die Berufsschule wie Ferien an. Und ich hab tatsächlich einiges gelernt, dass ich heute noch brauche.

Im Betrieb gab es keine Minute, in der ich mich gelangweilt habe oder nicht gefordert fühlte. Ganz im Gegenteil: Ich lernte, mich in verschiedene Programme einzuarbeiten und dass man einer Sehnenscheidenentzündung vorbeugen kann, indem man mit Tastenkombinationen arbeitet. Ich lernte, mit verschiedenen Leuten zu arbeiten und Prozesse vom Anfang bis zum Ende durchzuspielen. Über den eigenen Tellerrand zu gucken, das empfand ich als sehr hilfreich.

Ich habe aber lange Zeit damit gehadert, nicht studiert zu haben. Weil mein Umfeld das erwartet hat. Weil jeder, der klug ist und bereit weiterzudenken, unbedingt studieren sollte. Ich wollte nur arbeiten; Aufgaben erfüllen, die ich als sinnstiftend betrachte. Mittlerweile spielt es im Alltag keine Rolle mehr – denn viele meiner Freunde haben verschlungene Lebenswege, arbeiten mittlerweile im dritten Beruf oder kämpfen sich als Selbständige durch die Kunstwelt.

Aber manchmal beneide ich die Studierenden unter meinen Freunden: Sie haben manchmal lange Vorlesung, aber auch vormittags oder am frühen Nachmittag Zeit. Sie haben ein sich ständig veränderndes Umfeld mit viel Input. Und sie bekommen Rabatte. Ich sehe aber auch, dass ein Studium viel Geld kostet, dass es keinen Feierabend gibt und man regelmäßig Leistungen erbringen muss. Dass die Verantwortung für das eigene Lernen ein hohes Maß an Selbstorganisation erfordert.

Letztlich war meine Ausbildungszeit wohl auch deswegen so bereichernd, weil ich Anfang 20 war und meine ersten kleinen Schritte ins Berufsleben machte. Weil es eine völlig andere Welt war und ich über mich hinauswachsen konnte. Weil ich mehr war als 1/150 eines Jahrgangs.

Text: Vivian Herzog

Foto: Amac Garbe

Ein Gedanke zu “Zwei Wege sind ein Anfang

  1. Hallo Vivian!

    Deine Worte treffen den wesentlichen Teil des Alltags von Gymnasium und der Berufsschule (es ist aber nicht immer so).
    Das Tätige auf der Arbeit zeigt dir (uns), wie es sein sollte – ein forderndes- und auch bestätigendes Leben.

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