Campuskolumne

Sie ist rot. Manchmal weiß. Manchmal ein bisschen feucht, meistens eher trocken. Wenn ich richtig rechne, ist sie ca. 500 Quadratzentimeter groß. Und seit zehn Jahren meine Freundin. Die Psoriasis, oder übersetzt: Schuppenflechte. Eine Autoimmunreaktion, die zur Entzündung der Haut und zu vermehrter Schuppenbildung führt.

Ich weiß nicht mehr, wie es begann, aber irgendwann zeigte sie sich als trockene Fläche auf meinem Rücken, die einfach nicht heilen wollte. Und seitdem kommt und geht sie. Taucht an verschiedenen Körperstellen auf, bleibt monatelang. Und verschwindet plötzlich. Meistens leben wir in friedlicher Eintracht – ich muss mich nicht kratzen, es ist nur rot und bleibt trocken. Andere Menschen haben Juckreiz, große betroffene Flächen an den Händen oder es befällt die Organe. Psoriasis ist vielseitig und bei jedem Patienten hilft etwas anderes.

Nur mein Kopf bereitet mir Probleme, weil sich die Haare in den Schuppen verkleben und manchmal ausgerissen werden, wenn ich sie entferne. Über schnittige Shampoo-Werbung lache ich herzlich, weil die meisten Anti-Schuppen-Shampoos mit ihrer Kombination aus Tensiden (Waschmittel) und Salicylsäure (Schuppenlöser) zuviel für meine Kopfhaut sind. Wenn ich im Winter viel Stress habe, fühlt es sich manchmal an, als würde ich einen engen Helm um meinen Kopf tragen.

Mittlerweile habe ich mich damit arrangiert. Ich habe mich durch Mittel getestet und bin bei einem Öl und einer Lösung für die Haut hängengeblieben. Mich stört es wenig. Mein Umfeld fand das schwieriger. Besonders, als die ersten Flecken im Gesicht erschienen und sich am Haaransatz bemerkbar machten, reagierten einige Kollegen mit Mitleid. Im Bewerbungstraining wurde mir geraten, meine Haare anders zu tragen, damit der lichte Scheitel nicht zu sehen ist. Und das in einer Phase, in der ich ohnehin unter Druck stand. Auch Blondieren oder Färben beim Frisör ist schwer, weil die meisten davon ausgehen, dass die Haut empfindlicher ist und es zu Reaktionen kommen kann. Auch wenn meine Haare und die Haut das gut vertragen. Sollte ich eines Tages eine dauerhafte Haarverlängerung haben wollen, könnte auch das Probleme geben, weil das Öl für meine Kopfhaut Klebestellen lösen kann. Und laut Internet sind auch Tattoos ein Glücksspiel – die Haut kann reagieren, muss aber nicht. Sie kann sich beim ersten, zweiten, dritten Tattoo infolge der Psoriasis noch mehr entzünden – oder überhaupt nicht. Ein simpler Mückenstich oder eine Stelle, an der man zu oft gekratzt hat, können zu einer neuen entzündeten Stelle führen.

Ich kann gut damit leben. Und dann sehe ich, wie Leute verachtet werden, weil ihnen Schuppen in den Haaren hängen – obwohl keiner weiß, warum. Dass sich YouTuber rechtfertigen müssen, weil ganz klein und unscharf eine Schuppe zu erkennen ist. Dass Leute mit Ekel angesehen und ihnen „Krätze!“ hinterhergerufen wird, auch wenn Milben nicht mit einer körpereigenen Reaktion zu vergleichen sind. Dass Menschen leiden – nicht nur unter ihrem eigenen Körper, sondern auch unter Mitmenschen, die keine Zeit oder Lust haben, nachzufragen. Oder weil es Spaß macht, sich über andere aufzuregen, anstatt in ihnen einfach einen Menschen zu sehen.

Text: Vivian Herzog

Foto: Amac Garbe

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