Campuskolumne

Bisweilen, scheint mir, bin ich eine recht eigenartige Erscheinung.

Neulich zum Beispiel. Da stand ich in kurzen Hosen an der roten Ampel. Bei fünf Grad, ohne Jacke, im Dunkeln. An den Füßen sehr rote und sehr gelbe Socken, ein netter Kontrast zu meinen weißen Beinen. Auf dem Rücken gefühlt 30 Kilogramm Rucksack, in der rechten Hand eine 1,5-Liter-Wasserflasche, in der linken einen riesigen Kohlrabi (Stückpreis!). Die Ampel sprang auf grün, ich lief los. Laufen im Sinne von: Dauerlauf.

Ein Radler überholte mich. „Tapferes Mädchen“, raunte er mir zu. Tapferes Mädchen? Lieber fremder Radler, wollte ich sagen, du hast meinen Gemütszustand genau nicht getroffen. Du denkst, dass ich mich überwinden muss, dass mir das Geld für den Bus fehlt, dass ich irgendwie einen an der Waffel habe? Lieber fremder Radler, ich bin nicht tapfer, nicht cool und nur ein kleines bisschen verrückt. Und sehr froh, wenn die Ampel auf grün springt. Kurzum: Ich bin ein Läufer.

Laufen, das ist für mich keine Mutprobe. Keine Challenge, zu der mich ein Frauen-Fitness-Lifestyle-Heft verdonnert. Laufen ist für mich normal. Was man halt so tut. Leben. So, wie andere Leute den Bus nehmen, das Auto, das Fahrrad, laufe ich zum Supermarkt, zur Arbeit, zum Spaß. So, wie andere Leute morgens die Zeitung lesen, gehe ich in den Wald. Andere Leute entspannen sich mit Netflix, ich entspanne mich mit Kilometern. Auf 100 Kilometer komme ich pro Woche, mindestens. Ich schlüpfe in die Laufklamotten, wann immer ich kann – oft zweimal täglich. Am Sonntag gibtʼs immer die lange Runde, 30 Kilometer aufwärts, nur Montag ist Pausentag. Die Woche hat sechs Tage.

Vor fünf Jahren hätte ich diese Zeilen mit den gleichen Falten gelesen, die Sie gerade auf der Stirn haben. Am Anfang war das Laufen ein Graus. Mein Körper hatte eine klare Meinung. Erstens: Sitzen ist die beste Körperhaltung. Zweitens: Ein kurzer Sprint zum Bus ist eine kaum zumutbare Anstrengung. Drittens: „Sport ist Mord“ ist der witzigste Spruch aller Zeiten. Laufen, das war vor allem eines: anstrengend. Nach ein paar Runden um den Block (Faustregel: ödest-mögliche Route für den ödest-möglichen Sport) kam der Mann mit dem Hammer. Nichts ging mehr: die Beine schwer, die Luft abgedreht. Stehen bleiben, frustriert nach Hause zurückgehen, dabei von Rollator-Rentnern überholt werden.

Zuerst wandelte sich der Hass in eine Hassliebe. So sehr mich das Laufen nervte, so zäh die Minuten auf den immer gleichen Runden vergingen, so groß war danach der Stolz: Ich habe mich aufgerafft. Ich habe etwas geschafft. Also brach ich auf. Immer wieder. Immer öfter. Das tolle am Körper: Er gibt, wenn man fordert. Aus zehn wurden vierzig, wurden achtzig Kilometer. Aus der Hassliebe eine Liebe. Wenn das Gehechel und die Zipperlein weniger werden, geht es beim Laufen nicht mehr ums Ankommen, ums Ende. Es geht ums unterwegs sein. Darum, loslaufen zu können, wann ich will, wohin ich will. Mit nichts weiter als mir selbst.

Tapfer wäre es, darauf zu verzichten.

Text: Luise Martha Anter

Foto: Amac Garbe

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