Campuskolumne

„Die kognitiven Potenzen haben extraordinäre Relevanz für die Dialektik“, legt Marc-Uwe Kling in seinen Känguru-Chroniken sich selbst in den Mund. Weil das zu lang für eine SMS ist, will er den Satz kürzen und kommt so letztendlich bei „Denken ist wichtig.“ heraus. Recht hat er. Auch mit dem, was zwischen den Zeilen anklingt: Kritik an der Wissenschaftssprache. Ohne die ist Wissenschaft kaum noch denkbar. Ein großer Fehler, finde ich. Wer schließt sich meiner Revolution an?

Die Wissenschaft hat eine wichtige Aufgabe für die Gesellschaft. Sie soll analysieren, was ist – und dann dafür sorgen, dass die Zukunft besser wird. In wirtschaftlicher, ökologischer, aber auch sozialer Hinsicht. Vor allem die Sozialwissenschaften sind damit für jeden Einzelnen wichtig. Nur, dass das die meisten nicht wissen. Denn mit ihrer Art und Weise, sich auszudrücken, ist die Wissenschaft nur einer begrenzten Gruppe Menschen zugänglich: den WissenschaftlerInnen.

Die geben sich Mühe, ihren Nachwuchs nach ihren Vorstellungen heranzuziehen. Wer in Hausarbeiten, Vorträgen oder mündlichen Prüfungen spricht oder schreibt wie das „gemeine Volk“, den erwartet in den meisten Fällen Punktabzug. Widerrede ist zwecklos. ProfessorInnen und DozentInnen haben jede Menge Ausreden, warum es unabdingbar ist, die Dinge möglichst kompliziert auszudrücken. Wie oft habe ich schon gehört: „Inhaltlich ist die Hausarbeit wirklich gut. Aber Ihre Sprache ist nicht wissenschaftlich genug.“ Leider habe ich nie die Chance bekommen, das zu erklären. Denn es ist kein Zufall, dass ich meine Hausarbeiten so schreibe, dass möglichst viele Menschen sie verstehen können. Sondern Überzeugung.

Es gibt jede Menge Argumente, die dafür sprechen, diese sogenannte Wissenschaftssprache so schnell wie möglich im Klo runterzuspülen. (Ja, ich habe Klo geschrieben. Und runterspülen.)

Der erste: Jede/r WissenschaftlerIn will, dass die eigene Forschung wichtig ist. Dass sie wahrgenommen wird. Dass sie Wirkung zeigt. Die meisten Menschen auf dieser Erde sind aber keine WissenschaftlerInnen. Warum viele ForscherInnen ihre Texte dennoch in möglichst unverständliches Deutsch pressen, als gäbe es einen Preis für lange Sätze zu gewinnen, ist nicht nachvollziehbar. So, meine lieben Frauen und Herren DoktorInnen und ProfessorInnen, wird Onkel Herbert, der immer Euer Auto repariert, wenn Ihr mal wieder nicht wisst, warum es auf der Landstraße stehen geblieben ist, Eure Texte definitiv nicht lesen. Und dabei wäre es doch wünschenswerter, wenn auch Nicht-WissenschaftlerInnen eine Chance hätten, Eure Erkenntnisse zu teilen.

Der zweite: Nicht einmal alle AkademikerInnen verstehen, was manche WissenschaftlerInnen da so in ihrem stillen Elfenbeintürmchen produzieren. Denn auch die Menschen in der Wissenschaft sind divers. Mir als Arbeiterkind fiel es am Anfang meines Studiums manchmal doch sehr schwer, mich in die angegebenen Pflichttexte einzulesen. Ich habe Zeilen, Seiten, Kapitel mehrmals lesen müssen. Und ich kann mir vorstellen, dass es vielen Menschen, die gerade erst Deutsch lernen, genauso geht. Wollt Ihr das, liebe WissenschaftlerInnen? Oder wollt Ihr vielleicht lieber, dass diese beiden ohnehin benachteiligten Gruppen es in akademischen Kreisen ein wenig leichter haben?

Der dritte Grund ist das liebe Geld. Denn der größte Teil der Forschung an den Universitäten und Hochschulen in Deutschland wird von Steuergeldern finanziert. Steuergelder von allen Menschen. Auch Nicht-AkademikerInnen. Und denen seid Ihr, liebe WissenschaftlerInnen dieses Landes, somit Rechenschaft schuldig. Wer Aufmerksamkeit auf sich zieht und Menschen für seine Forschung begeistern kann, dem ist die Finanzierung beinahe sicher. Wenn das nicht mal ein Grund dafür ist, sich um verständliche Sprache zu bemühen.

Es nützt nichts, im Elfenbeinturm sitzen zu bleiben und ängstlich auf die Menschen zu starren, die unten vorbeilaufen. WissenschaftlerInnen verstecken sich hinter ihrer Sprache. Das haben die meisten von ihnen nicht nötig. Denn ihre Forschung bezieht ihre Existenzberechtigung nicht aus der Komplexität der Sprache. Sondern aus der Relevanz der Inhalte. Man ist nicht schlauer, je komplizierter man sich ausdrücken kann. Im Gegenteil. Deswegen: Schließt Euch meiner Revolution an! Drückt Euch einfach aus! So, dass auch ich Euch verstehe. Erklärt, warum Ihr das tut! Wehrt Euch gegen Punkteabzug! Und macht die Wissenschaft ein bisschen besser!

Text: Alisa Sonntag

Foto: Amac Garbe

Ein Gedanke zu “Campuskolumne

  1. Es ist in jedem Bereich wichtig sich einer verständlichen Sprache zu bedienen. Leider gibt es Menschen, die dies unabsichtlich (weil es z. B. so vorgemacht wird) oder die es absichtlich (um besser dazustehen oder sogar nicht ausreichend verstanden werden wollen [Anerkennung bekommen; beachtet werden; als ein gebildeter Mensch zu wirken usw.]) so gestalten.
    Es scheint manchmal ein Prestige zu sein, sich nicht einfach ausdrücken zu wollen.
    Sie sprechen mit Ihrem Betrag mir aus dem Herzen!

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