Campuskolumne

Lernen – es verfolgt einen nicht nur in der Schule, sondern auch während des Studiums. Zwar wenden es viele nur in bulimischer Weise kurz vor den Prüfungen an, doch es lauert die gesamte Studienzeit im Hintergrund. Es ist eine Art notwendiges Übel, welches man selbst und auch seinen Zweck kaum in Frage stellt. Doch am Ende meiner Universitätszeit befallen mich doch andere Gedanken. Wie Faust kommt es mir so vor, als wäre mein Wissen nicht gewachsen, und ich frage mich, was ich eigentlich wirklich in den vergangenen fünf Jahren gelernt habe. Vor allem in Hinblick auf das Berufsleben, auf welches ich sowohl mit Hoffnung als auch mit Sorgen hingearbeitet habe, denke ich viel öfter über diese Frage nach. Jedoch bin ich nicht der einzige, der von diesen Gedanken gepeinigt wird. Jeder kennt sicherlich diese Gedanken und Zweifel – vor allem kurz vor so einem wichtigen Übergang wie vom Studentenleben in die Arbeitswelt.

Jedes Mal, wenn ich mir diese Frage stelle, fällt mir ein Zitat von Seneca ein, welches ich noch aus dem Lateinunterricht kenne. „Non vitae, sed scholae discimus. Nicht für das Leben, sondern für die Schule lernen wir.“ Dieses Zitat fiel mir oft während der Prüfungszeit ein. Immer wenn man versucht, in kürzester Zeit so viele kleine Details wie möglich in seinem Kopf unterzubringen, möchte man diesem Ausspruch zustimmen. Oftmals trifft er auch zu. Wenn man später dem Alltag nachgeht, zwingt einen keiner mehr, den Zitratzyklus mit jedem Einzelschrittt aufzumalen und zu erklären. Trotzdem brauchen wir Wissen wie dieses als Grundlage – nicht nur wenn man eine akademische Laufbahn einschlägt. Während des Studiums erlernen wir das Wissen, das wir später benötigen, um mit den Schwierigkeiten fertig zu werden, welche uns erwarten.

Doch wir lernen noch viel wichtigere Dinge in dieser Zeit. Zum einen lernen wir wirklich das Lernen und auch Denken. Zwar haben wir alle schon in den vorherigen zwölf Jahren Berge an Wissen in unser Gedächtnis gepresst, jedoch waren wir durch ständige Tests dazu gezwungen und oft war auch klarer, was von einem erwartet wurde. Das Wissen, welches man im Kopf behalten sollte, war immer griffbereit – entweder im Hefter oder im Lehrbuch. In der ersten Prüfungszeit wurde mir jedoch klar, dass es nicht ausreicht, einfach nur stur auswendig zu lernen. Und dass die Fakten, welche in der Vorlesung vermittelt werden, nicht genügen. Ich habe in dieser Zeit gelernt, wie ich Wissen erwerbe und wie ich es finde.

Doch ich schätze vor allem den Fakt, dass ich gelernt habe, mein erworbenes Wissen einsetzen zu können. Heute wird dies oft als „Softskills“ bezeichnet. Diese Fähigkeiten erwirbt man nicht in Büchern vergraben und gefangen in Lerngruppen, sondern beim selbstständigen Planen einer Hausarbeit oder beim Auswerten eines Experiments. Wir fangen langsam an, das vorhandene Wissen in Frage zu stellen und skeptisch zu betrachten. Diese Fähigkeit ist die nützlichste, welche wir uns während des Studiums aneignen. Mit dieser kann man flexibel im Job sein und sich allen neuen Situationen anpassen. Die Möglichkeiten, diese Fähigkeit weiter auszubauen, kommen leider zu kurz im regulären Studium. Erst während meines Auslandsaufenthaltes und während meiner Diplomarbeit habe ich wirklich gelernt, was es bedeutet, kritisch mit Wissen umzugehen und im akademischen Sinne auf seinen eigenen Füßen zu stehen. Deswegen kann ich zum Teil diese Frustration verstehen, die viele nach dem Studium aufbauen, wenn sie sich fragen, was für einen Sinn das Studium eigentlich hatte.

Doch ich bin dem Studium am meisten dankbar für alles, was ich in dieser Zeit außerhalb der Universitätsgebäude gelernt habe. Seien es die Freunde, die ich kennengelernt habe, oder die Erfahrungen, welche ich während meines Auslandsstudiums sammeln konnte. Aber es zählen dort vor allem auch all die kleinen Sachen rein, welche man sich selbst beibringen muss, weil man jetzt nicht mehr den Komfort von Hotel Mama genieẞen kann. Sei es für manche nur, dass sie entdecken, wie man eine Waschmaschine benutzt, oder dass auch die Eltern Nudeln nur mit Wasser kochen. Aber wir alle haben auch zum ersten Mal erfahren, was es bedeutet, sich mit Bürokratie auseinanderzusetzen. Die ersten Verträge, die man unterschreibt und bei denen man auch mal das Kleingedruckte liest, und die erste Miete, um die man sich kümmern muss. All das fordert und fördert uns. Trotzdem hat man auch genügend neue Freiheiten, welche man vorher nicht hatte. So kitschig es auch klingen mag, mir haben vor allem diese Freiheiten und vorher unbekannten Möglichkeiten geholfen, der Mensch zu werden, welcher ich jetzt bin. Ich hoffe sogar, dass es da nicht nur mir so geht.

Wenn ich es dann so recht überlege, haben wir wahrscheinlich alle zumindest etwas während des Studiums gelernt. Auch wenn es nicht unbedingt das war, was wir uns vorgestellt hatten oder was die Professoren von uns erwartet haben.

Text: Jonas Atzler

Foto: Amac Garbe

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