Campuskolumne

Tag der deutschen Einheit. Zum 28. Mal. Als einzelner Mensch stünde man jetzt mitten im Leben, als vereintes Deutschland stecken wir in der Pubertät. Doch statt den Hormonen spielen die Deutschen selbst verrückt. Ost gegen West, Rechts gegen Links, Arm gegen Reich, Menschen gegen Menschen.

Obwohl wir in einem relativ sicheren Land leben, wächst der Eindruck von Unsicherheit. Die Medien sind voll von Gewalt und anderen Delikten. Das klickt und verkauft sich gut. Das Positive muss erst mühsam ausgegraben werden und „Alles ist schön!“ wird nicht so viel gelesen. Es ist ja auch nicht alles schön. Wir haben Probleme in diesem Land. Politiker*innen und Manager*innen dürfen in aller Öffentlichkeit den Karren in den Dreck fahren, um dann befördert zu werden oder eine fette Abfindung zu bekommen. Ottonormalbürger*innen wären erst einmal weg vom Fenster. Das schafft Unverständnis – und Wut. Verständlicherweise.

Und welche Arbeit wird überhaupt wertgeschätzt? Wovon hat die Gesellschaft einen Nutzen? Von denen, die konstruieren, erfinden und bauen? Von denen, die heilen? Die lehren? Die Flure und Toiletten putzen? Die den Müll wegfahren? Die informieren und den Finger in die Wunde legen? Die zum Denken anregen oder Ablenkung schaffen? Monetär herrscht diesbezüglich ein deutliches Ungleichgewicht. Wer mit hypothetischen Werten rund um den Erdball handelt, der hat am Ende mehr auf dem Konto als der Biobauer mit seiner Apfelkiste. Wer in Los Angeles 30 Tage vor einer Kamera steht, der wird wohl mehr verdienen als der Mime auf der Bühne nebenan. Wer das neueste Make-up testet, der kann davon oft besser leben als der, der stundenlang Artikel recherchiert.

Wir fühlen uns unverstanden. Wir sind neidisch. Wir haben Angst vor dem anderen. Weil wir all das nicht nur in der Zeitung, sondern auch im Fernsehen, auf dem Computer und dem Handy sehen. Weil wir uns jede Sekunde mit ihnen vergleichen. Weil wir jede Minute eine andere Schreckensmeldung lesen. Wir wissen ja alles. Und irgendwie doch nicht. Während Historiker*innen und Journalist*innen lernen, verschiedene Quellen abzuwägen, werden wir im Alltag mit Informationen geflutet. Der Post von Tante Erna steht da direkt neben dem der überregionalen Zeitung. Für Gewichtung ist keine Zeit, fürs Fragen schon gar nicht.

Deswegen reden wir auch nicht mehr miteinander. Kurze Statusmeldungen ersetzen den Anruf. Schlagzeilenhopping statt die Auseinandersetzung mit einem Thema. Die Diskussion, das Unangenehme halten wir nicht mehr aus. Das ist nicht die eigene Meinung, das möchten wir nicht. Doch auch auf der anderen Seite herrschen Ängste und Nöte. Menschen werden gegen Menschen ausgespielt. „Die verstehen mich eh nicht.“

Pubertät ist, wenn die anderen komisch werden. Informationen schießen wie Hormone durch die Blutbahnen. „Jede*r wird bedacht, nur Ich nicht.“ Und der andere sieht das genauso. Nur wissen wir das nicht. Wir gucken Statusmeldungen, statt einander zuzuhören und zu umarmen.

Text: Nadine Faust

Foto: Amac Garbe

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