Teamsport auf Augenhöhe

Menschen, die auf einen Elektrorollstuhl angewiesen sind, haben wenige Möglichkeiten, Sport zu machen. In Dresden schafft seit drei Jahren die erste E-Rolli-Fußballmannschaft Deutschlands Abhilfe.

„Das Team!“ Das ist die nahezu einhellige Antwort der Spieler, wenn man sie fragt, was ihnen bei ihrem Sport besonders wichtig ist. In Dresden entstand 2014 die erste E-Rolli-Fußballmannschaft Deutschlands, gegründet von Katharina Kohnen. Nach ihrem Schulabschluss lernte sie den Sport in den USA kennen. Nach dem Studienbeginn an der TU Dresden suchte sie nach einem passenden Verein – und fand ihn im Sportverein Motor Mickten Dresden. Kurz danach kam Romy Pötschke hinzu. Sie ist die Abteilungsleiterin der Sparte im Verein. „Zuerst dachte ich: Was ist das denn für ein neumodischer Kram?“, erzählt sie. Heute ist die 37-Jährige sehr froh, dabei zu sein. Denn neben dem Zusammenhalt im Team ist E-Rolli-Fußball eine der wenigen Sportarten, die sie überhaupt machen kann. „Einen Basketball könnte ich zum Beispiel gar nicht richtig halten“, erklärt die Schriftdolmetscherin.

18 Spieler sind sie mittlerweile, im Alter von zehn bis 50 Jahren. Mindestens fünf Jahre alt muss man sein und einen Elektrorollstuhl sicher bedienen, um mitmachen zu können. Ein Fußschutz oder -gitter ist Vorschrift, ebenso ein Beckengurt. Hinzu kommen optional andere Gurte und Stützen, die die Spieler schützen. Denn viele von ihnen haben eine Muskelkrankheit, leiden unter Muskelschwäche oder -schwund. Dadurch sind sie anfälliger bei Stößen und Crashs, die sie bestenfalls ganz vermeiden sollten. Die Rollstühle dürfen außerdem nicht schneller als zehn Kilometer pro Stunde fahren. Gespielt wird auf einem regulären Basketballfeld. Vier Spieler pro Mannschaft sind erlaubt: ein Torwart, ein Abwehrspieler, zwei Torjäger. Es gibt einen Strafraum, Eck- und Strafstöße. Der Ball ist etwas größer als im Fußball, ein Spiel dauert normalerweise zweimal 20 Minuten.

Diese Regeln hat die FIPFA, die Federation Internationale de Powerchair Football Association, seit 2005 entwickelt. Damals trafen auch erstmals Vertreter verschiedener Länder zusammen, der Verband entstand. Der Sport selbst formte sich Ende der 1970er-Jahre unabhängig voneinander in Frankreich und Kanada, wurde dann auch in anderen Ländern gespielt.

Und die Deutschen? Offensichtlich Spätzünder. Neben der Dresdner Mannschaft gibt es eine in Schleswig-Holstein. Um auf Gegner zu treffen, müssen die Dresdner also meist Deutschland verlassen. Nach Österreich und England sind sie bisher gefahren. Eine Crowdfundingaktion ermöglichte die Englandreise, für die sie Flugzeug, Auto und verschiedene Züge nutzten. Selten sind in einem Fahrzeug genügend Plätze für Elektrorollstühle vorgesehen.

Das Training fand bisher im Akademiehotel Dresden statt, seit Juli stehen die größeren Räumlichkeiten der BallsportArena zur Verfügung. Ein Mitglied kommt für die Trainingseinheiten freitags extra aus Aue angereist. Ein anderes sogar aus Suhl. Sarah Lenz kommt aus Leipzig hierher. Die 31-Jährige hat dort Kommunikations- und Medienwissenschaft studiert, ist in der Öffentlichkeitsarbeit tätig. Schüler, Studenten, Auszubildende, Arbeitnehmer und Selbstständige sind dabei. Einige sind nicht arbeitsfähig. Etwas mehr Frauen und Mädchen als Männer und Jungs machen mit.

Für die 48-jährige Annett Hanicke ist der Sport ein perfekter Ausgleich zu ihrer Arbeit bei einer Krankenkasse. „Man kann sich auspowern und mit anderen auf Augenhöhe spielen.“ Der 36-jährige Torsten Strungk liebt den Spaß und die Geschwindigkeit: „Als Fußballfan ist es schön, eine Ballsportart machen zu können.“ Auf seinem Fußgitter prangen gelbe Dynamo-Aufkleber.

Trainerin Angelika Zschornack war eigentlich Romy Pötschkes Assistentin. Als ein Trainer gebraucht wurde, hat sie sich das Wichtigste Learning by Doing selbst beigebracht oder Kollegen aus dem Ausland befragt. Seit Beginn des Jahres wird sie von Hubertus Delenk unterstützt. Der TU-Mitarbeiter kommt aus dem Fußball und bereichert so das Training. Die Ausbildung des einzigen Schiedsrichters in Deutschland geht ebenfalls auf die Initiative der Dresdner zurück. Die Rollstühle, die sie im Spiel nutzen, sind größtenteils Alltagsgefährte. Sportrollstühle kosten etwa 10.000 Euro. Um international mithalten zu können, will die Mannschaft ihren Mitgliedern möglichst viele dieser Sportgeräte finanzieren. Ein Schritt dorthin: der 10. Dresdner Entencup im August, dessen Reinerlös in diesem Jahr den E-Rolli-Fußballern zugutekam. Denn das Wettrennen gelber Plastikenten auf der Elbe zwischen Augustus- und Carolabrücke spenden die veranstaltenden Lions- und Leo-Clubs in jedem Jahr einem anderen sozialen Zweck. In vier Jahren wollen die E-Rolli-Fußballer dann zum vierten FIPFA World Cup fahren. Ob als Spieler oder Zuschauer: Hauptsache im Team.

 

Text: Nadine Faust

Fotos: Amac Garbe

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