Campuskolumne

Auf die Plätze, fertig, Asphalt. Da lag ich also, keine drei Meter nach dem Start, mit allerlei Zerschürfungen: die Knie, die Hand, die Pulsuhr. Statt auf die Görlitzer Landeskrone ging der Weg zum Verbandskasten. Und derjenige, der mich zu Fall gebracht hatte? Ist wahrscheinlich Erster geworden. Stehen geblieben ist er jedenfalls nicht, keine Entschuldigung, nichts.

Ich will ja nicht jammern: Sport ist nun einmal Mord. Und es geht mir auch gar nicht um meine kaputten Knie und darum, dass man nur mit einer Hand ganz schön schlecht Möhren schälen kann. Es geht mir, worum auch sonst, ums Prinzip. Darum, andere zu Fall zu bringen und einfach weiterzurennen. Nicht Fahrerflucht, sondern Läuferflucht. Und um die Frage: Wie hätte man selbst reagiert? Wer hätte gewonnen — die eigene Zielzeit oder die sportliche Fairness?

Intuitiv sieht man sich, wie man stehen bleibt, dem anderen auf die Beine hilft und kumpelhaft fragt, ob alles okay ist. So wie die Läuferinnen Nikki Hamblin und Abbey d’Agostini bei den Olympischen Spielen in Rio 2016. Die Bilder der beiden erst übereinander stürzenden und dann nebeneinander ins Ziel humpelnden Frauen gingen um die Welt. Die Personifikation des Altruismus.

Doch intuitiv lügt man sich wohl auch ziemlich schnell an — und konstruiert ein Wunsch-Ich. Das Wunsch-Ich ist der lebendig gewordene Wertekanon der Gesellschaft: Es benutzt kein Plastik, bietet alten Leuten im Bus den Sitz an, geht jeden Montag gegen Pegida auf die Straße und nimmt nicht den Airbus in die Südsee, sondern den Fernbus an die Ostsee.

Und dann wäre da das Ist-Ich. Das Ist-Ich lebt im Hier und Jetzt, es muss schnell Entscheidungen treffen und hätte gern einen schönen Tag. Das Ist-Ich kennt die Folgen seines Handelns meist ohnehin nicht, kann sich also entspannt zurücklehnen und sagen: „Auf mich kommt es doch auch nicht mehr an.“ Das Ist-Ich mag unsozial sein und egoistisch, aber es ist normal, ja, legitim. So abgedroschen der Spruch klingt: Niemand ist perfekt, aber jeder ist menschlich. Man kann nicht jeden Tag alle Ansprüche an sich selbst erfüllen, sich 100 Regeln auferlegen und 101 einhalten. Das wird auf Dauer verdammt anstrengend. Und glücklich macht es auch nicht.

Es geht nicht darum, „Nach mir die Sintflut!“ zum neuen Lebensmotto zu erklären. Es geht darum, einen Kompromiss zwischen dem Wunsch-Ich und dem Ist-Ich zu finden. Einen ziemlich netten Menschen also, der auch seine Tücken und Ticks hat. Und vor allem: Der nachsichtig ist. Vielleicht hat der Rempler ja wirklich gewonnen. Soll er doch.

Text: Luise Martha Anter

Foto: Amac Garbe

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