Von Francesco Vidotto, Kein & Aber Verlag, erschienen am 13.04.2026. Aus dem Italienischen übersetzt von Mirjam Bitter und Walter Kögler.
Manche Bücher sind laut, dramatisch und voller Wendungen. Und dann gibt es solche wie „Meine Berge bist du“: eine ruhige, fast poetische Geschichte, die sich langsam entfaltet und trotzdem unglaublich viel in sich trägt. Francesco Vidotto erzählt hier von Liebe, Brüdern, Schuld und von den Bergen, die alles sehen und bewahren.
Die Geschichte spielt in einem kleinen Dorf in den Dolomiten. Dort wachsen die Zwillingsbrüder Santo und Onesto auf. Äußerlich mögen sie sich ähneln, aber im Wesen könnten sie kaum unterschiedlicher sein: Santo ist laut, mutig, ein bisschen rebellisch. Onesto dagegen eher still, nachdenklich; jemand, der mehr beobachtet als spricht.
Und dann kommt Celeste. Schön wie die Berge selbst, wie es im Buch heißt. Beide Brüder verlieben sich Hals über Kopf in sie. Doch Celeste entscheidet sich für Santo. Die beiden werden ein Paar, so eines, das nach „für immer“ aussieht. Onesto bleibt zurück, mit Gefühlen, die er nie ausgesprochen hat.
Über die sanfte und gewaltige Liebe
Onesto schreibt Briefe. Nicht an Menschen, sondern an die Berge der Dolomiten. Jedes Kapitel ist ein Brief an einen Berg. „Onesto schrieb an die Berge. Nur ihnen konnte er mitteilen, was ihm auf dem Herzen lag.“
So entfaltet sich die Geschichte ruhig, fast sanft, obwohl sie voller Spannungen steckt. Denn das Leben der Brüder bleibt nicht idyllisch. Celeste wird eines Tages von den sogenannten Fuchsjägern entführt und misshandelt. Kurz darauf ist sie schwanger. Von wem, weiß niemand. Santo reagiert voller Wut.
Ein Abschied vom gewohnten Leben
Ihre Mutter bittet Santo und Celeste deshalb, das Dorf zu verlassen und irgendwo anders neu anzufangen. Im Spätfrühling 1940 brechen sie auf. Kurz danach beginnt der Krieg.
Onesto bleibt zurück. Um nicht eingezogen zu werden, versteckt er sich auf den Almen, lebt wie ein Flüchtiger in den Bergen. Doch selbst dort holt der Krieg ihn ein. 1945 treffen Bombardements auch das Dorf, das Haus seiner Mutter wird zerstört.
Onestos Opfer für die Liebe
Nach Kriegsende kommen Ermittler ins Dorf. Der Mord an den Fuchsjägern ist nicht vergessen, nur verschoben worden. Und in einem Moment, der alles verändert, gibt Onesto sich als sein Bruder Santo aus und gesteht den Mord. Ein Opfer, das niemand verlangt hat, außer vielleicht die Liebe. Erst 45 Jahre später kehrt Onesto nach Pozzale di Cadore, seiner Heimat, zurück.
„Meine Berge bist du“ ist ein leises Buch über Entscheidungen, die ein ganzes Leben nachhallen. Über Bruderliebe, über unerfüllte Träume und darüber, dass das Leben manchmal ist wie ein Aufstieg in den Bergen: „Die Beine sind müde, der Atem kurz und der Weg steil. Am liebsten würde man anhalten, aber man gibt nicht auf, weil man ahnt, dass einen nach der Mühe die Schönheit erwartet. So sind die Berge, so ist das Leben.“
Text: Alexandra Caspar
Foto: Amac Garbe