Von Baggern, die Mauern überfahren

Jede:r von uns hat persönliche Grenzen. Das können körperliche sein, z. B. dass man von bestimmten Menschen nicht umarmt werden will. Oder keine Hände schüttelt. Das können aber auch Themen sein, über die wir nicht gerne reden. Zum Beispiel warum das Studium bereits acht Jahre dauert. Ob man nicht etwas Sinnvolleres als Philosophie studieren wolle. Oder umgekehrt, warum man überhaupt studiert, wo doch das Handwerk Unterstützung braucht. Mit manchen dieser Grenzen können wir gut umgehen, weil wir sie schon zu oft verteidigen mussten. Und dann gibt es die, deren Überschreiten noch immer furchtbar wehtut.

Mir ist das kürzlich passiert. Ein Freund war verbal mit dem Bagger über meine mit Blinklichtern und Warnschild gekennzeichnete Linie gefahren, und obwohl ich mich durchgerungen und sie verteidigt habe, fühlte ich mich danach nicht als Siegerin. Warum eigentlich?

Wie Grenzen entstehen

Eine Grenze spüren wir dort, wo persönliche Bedürfnisse aufeinanderprallen. Erst durch den Konflikt – der Wirbel, der an der Grenzfläche entsteht – wird sie überhaupt sichtbar. Ein Beispiel: Meine Eltern möchten über meine berufliche Zukunft reden, mir ist das aber unangenehm, weil ich selbst nicht weiß, wohin mit mir. Ihr Bedürfnis ist das nach Information oder Fürsorge, meines nach Weglaufen. Mein Körper reagiert: Mir wird warm und ich habe das Gefühl, dass in meinem Kopf etwas explodiert. Meine Sprache ändert sich – die Rhythmik gerät aus dem Takt, die Pausen zwischen den Wörtern nehmen unmerklich zu und ich nutze mehr Füllwörter. Ich breche den Augenkontakt ab, fange an, die Fransen an der Stehlampe zu zählen. Ich sinke in mir zusammen, doch je kleiner ich werde, desto drängender werden die Fragen. Ich versuche auszuweichen, z. B. indem ich von der Nachbarstochter erzähle, die bereits den dritten Studiengang angefangen hat.  Oder ich greife an und berichte, dass auch meine Mutter erst mit Mitte 20 ihre wahre Berufung gefunden hätte. Ein Schlag, der nur ins Nichts führen kann, weil er halbherzig ausgeführt ist. Ich weiß, dass ich aus dieser Diskussion nicht zufrieden herausgehe, sondern auch Tage später noch damit hadern, mich schwach und hässlich fühlen werde.

Bindungen behindern

Das Problem ist, dass jeder Konflikt über ein vermeintlich sachliches Thema auch die soziale Beziehung in Frage stellt. Werden meine Eltern mir auch weiterhin helfen, wenn ich sie um Rat bitte, egal wobei? Fühlen sich meine Eltern eingeschüchtert von mir? Wo werden wir in unserer Bindung später stehen?

Außerdem spielen moralische und gesellschaftliche Vorstellungen eine Rolle. Wir sollen höflich sein, rücksichtsvoll agieren, das große Ganze im Blick haben. Und überhaupt: Warum sich über Dinge aufregen, die man nicht ändern kann, also meine Eltern? Sollte ich mich nicht freuen, dass sich die beiden für mich interessieren? Sollte ich nicht anerkennen, dass sie sich Sorgen machen? Warum kann ich kein guter, durchdachter Mensch sein und Ja sagen? „Ja, überfahrt mich mit euren Vorwürfen! Ja, bitte plant die nächsten 20 Jahre für mich! Und vergesst ja einen Partner, ein Haus und ein Kind nicht!“

Das Problem ist: Es geht nicht um die anderen. Es geht um mich. Obwohl jemand meine Grenze übertreten hat, ist meine einzige Sorge, dass es ihm damit schlecht gehen könnte. Dass ich danach nicht mehr geliebt werde. Aber ich leide. Ich leide lang und dauerhaft. Unter jedem Streit, jedem unausgesprochenen Vorwurf. Ich leide noch ein zweites Mal, weil ich mich wertlos und nicht wehrhaft fühle. Weil ich nichts gemacht habe. Der Irrtum besteht darin, dass die soziale Bindung zerbricht, wenn man sich mal streitet. Aber meine Eltern werden mich immer lieben. Auch Freundschaften halten viel aus, wenn man sich wertschätzend verhält.

Ein Konflikt führt zur Veränderung

Noch ein Perspektivwechsel: Der Gesprächspartner oder die Gesprächspartnerin kann auf die Grenze reagieren. Er oder sie kann sie hinterfragen. Warum sie besteht. Wie sie genau aussieht. Warum sie mal da ist und mal nicht. Ich trage die Verantwortung für meine Linie, aber die Verantwortung für die soziale Bindung tragen wir gemeinsam. Wir sollten aufeinander achten. Auch wenn es wehtut, wenn man etwas nicht versteht. Auch wenn es unangenehm ist, jemandes Grenze übertreten zu haben.

Letztlich sind emotionale Stoppschilder auch eine Chance, in Kontakt zu kommen. Die Beziehung klarer zu definieren und zu wissen, wo man das nächste Mal stehen bleibt. Es kann befreiend sein, das überstanden zu haben.

Ein Freund sagt zu mir, dass mich eine Grenze zum Menschen machen würde. Das Bild finde ich schön – dass mir eine Grenze nicht etwas genommen hat, weil ich nicht funktioniert habe, sondern dass sie mir Persönlichkeit gibt. Dass sie mich sichtbar macht.

Zum Schluss noch zum Mann mit dem Bagger: Ich habe lange gezögert und zu viel Zeit verstreichen lassen. Der Schaden in meinem Territorium war bereits da. Aber ich habe mich gewehrt. Ich habe erklärt, dass für mich eine Grenze erreicht ist. Dass mich das verletzt. Ich habe ihn zweimal laut und deutlich gebeten, dass ich über diesen Aspekt nicht sprechen will. Das hat irgendwann geklappt. Daher: Setzt Eure Grenzen so, wie Ihr Euch gut fühlt! Euer Gegner oder Eure Gegnerin wird’s nicht tun. Und: Sie später zu verschieben, das wäre auch okay.

Text: Vivian Herzog

Foto: Amac Garbe

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