Campuskolumne

Es war kein Knall. Es war kein Schrei. Nein, es war ein kurzes Fluchen. Ein Aufrappeln vom Boden, ein Frusttränchen, dann Schmerz. Und Wut. Darüber, dass sich der Milchreis nicht von alleine kochte und ich das Timing so vergeigt hatte, dass mein Magen und meine Blase „Schere, Stein, Papier“ um meine Aufmerksamkeit spielten und meine Blase gewann. Und ich von einem Örtchen zum anderen hastete. Das Ende vom Lied war ein Milchreis in der Wartezone und ich auch. Mit einer gebrochenen Zehe, wie sich später herausstellen sollte. Glücklicherweise hatte ich den Weg ins Krankenhaus ein paar Wochen vorher geübt – als Wahlhelferin in der Schule gegenüber war ich ihn oft gegangen. Und ich wusste, dass es dort den besten Automatenkaffee gab.

Ansonsten beschränken sich meine Erfahrungen mit Notaufnahmen auf 250 Folgen „Emergency Room“, eine dreifache Wiederholung der ersten drei „Grey’s Anatomy“-Staffeln und „Doctor’s Diary“. Ich erwartete also , dass man am laufenden Band Leute intubiert, während man Beziehungsprobleme diskutiert und einen Truthahn für Thanksgiving zerlegt. Ich hatte Glück. Es war ruhig und irgendjemand kochte Filterkaffee im Schwesternzimmer. Von links und rechts waberte Stimmengemurmel, ohne dass ich sehen konnte, wer gegen was behandelt wurde. Manchmal das Ticken einer Uhr. Und der Sonnenuntergang vom Fenster aus. Vielleicht würde irgendwann doch Dr. Norden vorbeikommen und meinen Fuß gesund pusten?

Drei Stunden später wurde ich entlassen. Mit Schuhen, die plötzlich geschrumpft waren und verschiedenen Ratschlägen, aus denen ich mir die goldene Mitte zusammenbasteln sollte. Für Ärzte sind gebrochene Zehen wie Schnupfen – unangenehm, heilt aber von allein. Ich hatte nicht mal einen stylischen Gips, auf dem meine Freunde unterschreiben konnten, sondern nur ein hautfarbenes Pflaster. Und ich konnte nicht umherlaufen und allen von meiner Heldentat erzählen – wie ich den Reis vorm Überkochen retten wollte –, denn Laufen tat weh. Für einen Flummi wie mich eine Katastrophe. Schnell zum Supermarkt gehen, zum Telefon hasten und die Dehnbarkeit von Grünphasen bei Ampeln austesten: Das ging nicht.

Nicht nur langsamer, sondern bewusster gehen. Dresden ist eine der wenigen Städte, in denen großzügig Granitplatten eingesetzt werden, witzelte ein Freund, und einige liegen schief. Hinzu kommen Baumwurzeln, die Asphaltdecken sprengen, und Kopfsteinpflaster. Während ich mich in anderen Städten wundere, wie es Menschen schaffen, nicht von einer Bahn überfahren zu werden, wenn die Bordsteine so niedrig sind, vermisse ich das nun in Dresden. Wege so zu planen, dass man möglichst nah mit dem ÖPNV an sein Ziel kommt und den Rest stolperfrei zurücklegen kann, das bedeutet oft Umwege. Auch Bus und Bahn selbst können zum Problem werden. Jede (neue) Bahn hat eine Rampe für Rollstuhlfahrer, aber ich kenne nur sehr wenige Haltestellen, die so barrierefrei sind, dass auch Menschen mit Gehbehinderungen gut in die Bahn kommen. Einen interessanten Einblick dazu bietet übrigens die Karte im Themenstadtplan. Hinzu kommen erhöhte Sitze oder dass Bus und Bahn manchmal ruckartig bremsen und anfahren. Besonders nach Grünphasen. Fehlende Sitzmöglichkeiten an Gehwegen. Es verwundert mich, dass die Waldschlösschenbrücke oder das Dach über dem Hauptbahnhof eine größere Diskussion auslösten als die Barrierefreiheit in Dresden. Obwohl es ein Stück Lebensqualität ausmacht, wenn man sich frei durch die Stadt bewegen kann. Immerhin scheint das Thema langsam ins Bewusstsein zu rücken – ob in Form von Bürgerbeteiligung bei Bauvorhaben oder konkret über das Förderprogramm „Barrierefreies Bauen – Lieblingsplätze für alle“, das diese barrierefrei machen soll.

Aber zurück zum Anfang: Es tut immer noch weh, aber mein kleiner Unfall hat mich demütig werden lassen. Und vielleicht schaffe ich es, dass ich mir beim nächsten Mal Milchreis kochen nicht die andere Zehe breche.

Text: Vivian Herzog

Foto: Amac Garbe

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