Campuskolumne

Für uns Studierende ist die Neustadt wohl eins der wichtigsten Stadtviertel überhaupt. Wenn schon nicht zum Wohnen, dann doch wenigstens, um dort seine Freizeit zu verbringen.

Und in der Tat, die Dresdner Neustadt ist in vielerlei Hinsicht ein Refugium. Denkt man nämlich an die Neustadt in der Nacht, denkt man an besonders hippe Cafés, schick eingerichtete Bars, multikulturelle Milieus oder die Vormacht der Radfahrenden. Die Neustadt ist ein Schauplatz moderner Entwicklungen. Doch das allein würde nicht den besonderen Charme des Viertels ausmachen. Es ist vielmehr das Alte, das Leben von Gestern, welches die Neustadt zur Neustadt macht. Oder besser: Der Geschmack der Neustadt besteht gerade darin, dass das Alte vom Neuen angeeignet wird und somit erhalten bleibt.

Nun würde sicher der Gedanke naheliegen, auf die ausgeprägte Kneipenkultur zu verweisen. So einige Kneipen wie das Leo auf der Rothenburger oder die Erlenklause im Hecht wirken wie aus der Zeit gefallen. Hauptklientel: ehemalige Arbeiterklasse. Andere wie das Little Creatures auf der Luise, das Trotzdem auf der Alaunstraße oder die „Familieneinkehr“ Hebedas ziehen jüngeres Publikum an und besitzen fantastischerweise gleichzeitig die Aura des Urig-Alten. Möchte man etwas vom Geschmack der Neustadt erfahren, ist man hier genau richtig.

Doch die Neustadt, an die ich denke, enthält noch etwas anderes. In keinem anderen Viertel der Stadt kann man eine solche Vielzahl von Einzelhandelsgeschäften vorfinden. Jene hatten vor einhundert Jahren mal ihre Blütezeit, bevor Supermarktketten, Baumärkte und Co. ihre Geschäftsgrundlage zerstörten und die Städte gleichzeitig verschandelten.

Denn wo gibt es bitteschön noch ein Eisenwarenhandelsgeschäft wie das auf der Bautzner, in welchem man nach der Schraubenanzahl gefragt wird und diese per Hand abgezählt und eingetütet werden? Wo gibt es noch Tante-Emma-Läden wie das auf der Nordstraße? Wo gibt es generell noch so viele kleine Einzelhandelsgeschäfte?

Auch wenn man manchmal die Zeit anhalten will oder die volle Entfaltung der „Innovationen“ lieber anderswo betrachten mag, so ist das nicht möglich. Auch die Neustadt wird sich verändern und tut es bereits kräftig. Erst im Februar hat mit Rißmann eine der letzten Traditionsbäckereien der Neustadt dicht gemacht. Jetzt gibt es (fast) nur noch Bäckereiketten, welche nicht mehr selbst backen oder wo man „Sachsen-Rammler“ erwerben kann.

Doch lamentieren gilt nicht, denn die Zukunft ist noch offen. Es ist an uns, dieselbe zu gestalten. Wir entscheiden täglich darüber und haben die Wahl, ob wir lieber bei Netto um die Ecke unsere Brötchen kaufen oder bei einer Bäckerei, die tatsächlich welche bäckt. Wir entscheiden, ob wir bequem im Supermarkt unsere Zeitungen kaufen oder extra den Kiosk nebenan ansteuern. Wir entscheiden, ob wir unser Gemüse wirklich bei Rewe erwerben oder doch lieber auf dem Wochenmarkt direkt vom Erzeuger.

Doch auch wenn bei mir allzu oft die Bequemlichkeit siegt, sollte man sich vergegenwärtigen, dass man negativen Entwicklungen nicht damit begegnet, indem man immer wieder davon kostet. Vergessen sollte man zudem nicht, dass wir Studierende generell nicht gerade zu jenem Klientel gehören, welches das Sterben der unbequemen alten Strukturen aufhält. Aus einer Studentin wird wohl kaum eine Bäckermeisterin. Wir haben also, wenn man so will, etwas wiedergutzumachen.

Text: Martin Linke

Foto: Amac Garbe

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