Campuskolumne

ICE 1506 von München nach Berlin, Wagen 37, Sitzplatz 82. Darauf ein Mann Mitte 40, beige Hose, weißes Hemd mit akkurat gebundener Krawatte, glänzende Lederschuhe. Vor ihm ein MacBook Pro. Gegenüber ein Mann, mit dem er maximal die Generation gemein hat. Sehr neongelbe Nike-Schuhe, buntes T-Shirt, orange Kordhose. Vor ihm ein Bier. Der eine sieht nach Vielfliegerstatus „Senator“ aus, der andere nach Fanbus. Doch weil der Fanbus-Mann nicht auf den Mund gefallen ist, reden sie jetzt. Erst über Hertha BSC, dann über RB Leipzig, dann über Wirtschaft. Leider kann ich nicht lange zuhören: Der Fanbus-Mann hat zwei Freunde dabei, die ihr Biertrinken für eine Konversation mit mir unterbrochen haben. Wer ich denn so sei, was ich denn so mache, warum denn auf meinem Rechner dieser und jener Sticker sei. Aha, Trailrunning, oho, Veganer, damit hätten sie ja jetzt nicht so viel Erfahrung. Bis Erfurt tauschen wir uns aus, dann steigen sie aus.

Ich widme mich wieder meinem Artikel, in dem der ZEIT-Autor Bastian Berbner, links-grün-liberal, von seinen Gesprächen mit einer jungen Berlinerin aus der Grünen Jugend, einem Neonazi und einem Verschwörungstheoretiker berichtet. Das Ganze ist Teil der deutschlandweiten Aktion „Deutschland spricht“, bei der elf deutsche Medienhäuser, darunter ZEIT Online und die Süddeutsche Zeitung, am Sonntag möglichst verschiedene Menschen zusammengebracht haben. Ein Algorithmus paarte Migrationsskeptiker mit -befürwortern, Dieselliebhaber mit Anhängern autofreier Städte, Veganer mit Freunden blutiger Steaks. Tausende haben sich getroffen und oft stundenlange Gespräche geführt. Ihr Echo war überwiegend begeistert, auf Twitter (#deutschlandspricht) und in Artikeln liest man von konstruktiven, spannenden, lehrreichen Stunden. Wie im ICE 1506.

Miteinander reden: Das ist heilsam in einer Gesellschaft, in der Polarisierung und Spaltung zunehmen. Es ist eine Binse, dass wir uns bevorzugt mit Menschen umgeben, die unsere politischen und ethischen Einstellungen teilen. Gespräche mit Gleichgesinnten aber sind keine Diskussionen, sondern gegenseitiges Bestätigen und Abgrenzen von anderen. Schuld an dieser kollektiven kognitiven Konsonanz sind aber nicht allein die viel gescholtenen Echokammern auf Facebook und Co. Gerade bei aufgeladenen Themen – man denke nur an Migration, Abtreibung, Fleischkonsum – neigen wir dazu, einen Menschen nur über seine Einstellungen zu definieren: „Der will eine Obergrenze, das ist ein Unmensch, mit dem rede ich nicht.“ „Die isst Fleisch, die ist eine Mörderin, mit der gebe ich mich nicht ab.“ Dass der Migrationskritiker den gleichen Sport betreibt und die Schnitzelliebhaberin auch die Grünen wählt – das erfährt man so gar nicht erst. Der andere bleibt der Gegner, charakterisiert nur über einen Bruchteil seiner Persönlichkeit.

Dabei geht es beim miteinander Reden gar nicht darum, einen Konsens zu finden oder sich reumütig bekehren zu lassen. Im Gegenteil. Es geht um schieres Interesse an den Ansichten des anderen, um das kritische Hinterfragen der eigenen Positionen, um Streiten – und um den Versuch, andere Einstellungen zu verstehen. Das muss nicht gelingen. Aber wir merken: Die Positionen unseres Gegenübers sind keine Willkür, gründen nicht in Dummheit oder Egoismus, sondern in Erfahrungen und Argumenten. Wie die eigenen. Das stiftet, welch wunderbares Wort: Ambiguitätstoleranz. Die Toleranz gegenüber Andersartigkeit. Ertragen können, dass die eigene Weltsicht nicht die einzige ist.

Miteinander reden ist aber nicht nur für das Individuum wichtig. Sondern auch für uns alle zusammen: Reden ist der Stoff, aus dem das Band ist, das die Gesellschaft zusammenhält. Ob im Zug, bei Deutschland spricht, in der Familie oder in Online-Kommentarspalten – aus guten Gesprächen lernen wir: Die anderen, das sind auch nur Menschen. Wir alle ticken ziemlich gleich. Dieses soziale Vertrauen wiederum ist eine Art gesellschaftliches Glückshormon: Es korreliert positiv mit dem Vertrauen in politische Institutionen, in Politiker und Regierung, mit der eigenen politischen Partizipation und der Zufriedenheit mit der Demokratie. Zahlreiche Studien zeigen das, 1970 wie 2018. Ohne Reden kein Vertrauen, ohne Vertrauen keine Demokratie. Das klingt so simpel, wie es ist. Sachsen ist übrigens ein wunderbarer Ort, um damit anzufangen.

Text: Luise Martha Anter

Foto: Amac Garbe

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