Campuskolumne

Diesen Text hätte es um ein Haar nicht gegeben. Um ein Haar hätte die Autorin nie den Kaffee gekocht, den Rechner hochgefahren und das erste Wort geschrieben. Um ein Haar wäre die Autorin gestorben. Die Gefahr ereilte sie im Bayerischen Chiemgau, irgendwo zwischen den Röthelmoos-Almen und dem Weitsee. Die Gefahr trug Helm, beige Hosen und Sportbrille. Ein Rentner mit E-Bike. Beschwingt vom Bier auf der Alm oder der neu entdeckten Jugend oder beidem rauschte er unkontrolliert die Schotterpiste hinab. Nur leise war er dabei nicht; die Autorin hörte ihn und konnte sich mit einem beherzten Sprung in die Felswand gerade noch rechtzeitig vor dem elektrisierten Ungetüm retten. Glück für diesen Text.

E-Bikes haben eine bemerkenswert steile Karriere hingelegt. Vor ein paar Jahren noch ähnlich selten wie ihre vierrädrigen Genossen, füllen sie heute nicht nur Fahrradläden, Straßen und mehrere Special-Interest-Magazine, sondern auch die Alpen. Auf besagtem Wander(!)-Weg zwischen den Röthelmoos-Almen und dem Weitsee kam innerhalb einer Stunde nur ein Wanderer des Weges – aber zwanzig, dreißig Fahrradfahrer. Bei fast allen verriet der klobige Akku am Rahmen oder dem Gepäckträger die körperliche Trägheit des Fahrers. Deshalb, so heißt es gern, sorge das E-Bike für mehr Teilhabe: Unabhängig von der körperlichen Fitness kann nun ein jeder ausgedehnte Radfahrten machen und Gipfel erklimmen. Abgesehen davon, dass dieses Argument den Geldbeutel als intervenierende Variable außer Acht lässt: Es greift zu kurz.

Drastisch gesprochen sind E-Bikes vielmehr ein Instrument, mit dem wir uns die Erde ein Stückchen mehr Untertan machen. Denn gerade in den Bergen sind E-Bikes nichts anderes als viele kleine Bergbahnen: Der Berg kann dem Menschen nichts mehr anhaben. Er ist keine Herausforderung mehr, sondern fast genauso bequem erreichbar wie der nächste Supermarkt. Der Gipfel ist keine Belohnung mehr, sondern wird zum bloßen Ausflugsort degradiert. Wer nach stundenlangem Laufen oder echtem Radfahren verschwitzt oben ankommt und Menschen in Alltagskleidung und ohne jegliche Gesichtsröte trifft, kommt sich schlicht veralbert vor. Die eigene Anstrengung wird entwertet, wenn es auch ohne geht.

Und so tragen E-Bikes, genau wie Bergbahnen, auch zur Überfüllung der Landschaft bei. Auf dem Gipfel geht es zu wie sonntags auf der Flaniermeile. Aus jedem noch so schmalen und wurzelübersäten Pfad wird, E-Mountainbike sei dank, eine Waldautobahn. Zudem macht ein E-Bike ordentlich Lärm. Das merkt man spätestens, wenn man seinen Ohren traut und einem vermeintlichen Geländewagen bis an den äußersten Rand des Weges ausweicht – und dann doch nur ein E-Bike an einem vorbeirauscht. Natürlich kehren auch herkömmliche Radler oben ein, haben lärmende Reifen und sind bisweilen auf Trails anzutreffen, die der geneigte Wanderer oder Trailrunner gern für sich hätte – doch E-Biker gibt es eben sehr viele. Zu viele.

Der ungestüme Rentner, dem dieser Text beinahe zum Opfer gefallen wäre, würde jetzt wahrscheinlich intervenieren. Statt depressiv im Tal zu verharren und die Berge nur wehmütig aus der Ferne zu betrachten, kann er sie dank seines E-Bikes mit Leichtigkeit erklimmen, oben ein Picknick machen, ein Foto schießen und mit dem Gefühl ewiger Jugend im Gepäck den Berg wieder hinabfahren – mit Karacho, ohne Rücksicht. Ein Erlebnis, das ihm sonst verwehrt bliebe. Vielleicht also sollte man eine Altersgrenze für die Benutzung von E-Bikes einführen. Oder sich in Ambiguitätstoleranz üben.

Text: Luise Martha Anter

Foto: Amac Garbe

Ein Gedanke zu “Campuskolumne

  1. Solange nur der Tourismus der Heilsbringer für ländliche Regionen ist, weil sich die Bauern die Preise für ihre Milch von Aldi diktieren lassen müssen, werden auch die Rentnerhorden kommen. Und da sollen sie lieber mit Elektrofahrrädern auf den Berg fahren als mit dem SUV. Das ist auch besser als Schneisen im Wald für die Bergbahn. Wer beim Wandern seine Ruhe haben will, darf nicht in ausgepriesenen Wandertourismusregionen unterwegs sein.

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