Campusleben in Cork

Es ist noch früh und ich sehne mich wieder ins Bett zurück. Das Gefühl, einfach zu früh loszumüssen, bleibt in jedem Land der Welt das Gleiche. Hinter mir fällt die Tür zu und ich begebe mich auf den Weg zur Bushaltestelle – an Kuhweiden und vereinzelten Häusern vorbei. Für mich ist dieser Anblick mittlerweile alltäglich geworden, obwohl ich erst seit ein paar Monaten hier bin.

Als ich die Bushaltestelle erreiche, sehe ich nur zwei weitere Studenten auf den Doppeldeckerbus warten. Das liegt nicht an der Faulheit der anderen Studenten, sondern an der Lage meines Zimmers. Ich wohne zwar nur 20 Minuten mit dem Bus vom Campus entfernt, jedoch bedeutet das in Cork schon fast wieder Landleben. Aber was will man bei den Mieten machen, die in irischen Universitätsstädten verlangt werden? Ich erinnere mich an die verzweifelte Suche nach einem bezahlbaren Zimmer im Stadtzentrum und in Laufweite zur Universität, also dem Wohnungsäquivalent zur eierlegenden Wollmilchsau. Es war eine wahre Tortur, da sich die irischen Studenten seit September um die Wohnungen gestritten hatten und ich mich im Oktober durch die übrig gelassenen Brotkrümel arbeiten musste. Deshalb wohne ich jetzt in einem Teil von Cork, der schon verdächtig nach dem Klischee einer kleinen irischen Stadt aussieht. Trotzdem zahle ich mit 400 Euro Miete mehr, als man in Dresden üblicherweise für ein Zimmer in dergleichen Größe hinlegen würde.

Die quietschenden Räder des bremsenden Busses reißen mich aus meinen morgendlichen Träumen und ich begebe mich in das noch leere Gefährt. Auf unserem Weg durch die schmalen und dadurch sehr schnell überfüllten Straßen Corks fällt mir eine Sache ein, die ich wirklich an Deutschland vermisse: pünktlichen und funktionierenden Nahverkehr. Mir fällt selber auf, wie spießig das klingt, aber bei den zahlreichen Minuten, die ich im Regen auf den Bus gewartet habe, erscheint einem sogar die überfüllte 61 gemütlich. Jedoch sind hier die Busfahrer weitaus freundlicher und auch viel gesprächiger als ihre Kollegen in Dresden.

Ausblick vom Hauptplatz des University College Cork

Am Campus angekommen merkt man, dass Cork eine klassische Universitätsstadt ist. Ich begebe mich in das Menschengewühl und ertappe mich dabei, deutsche und irische Studenten zu vergleichen. Was mir dabei jedes Mal ins Auge sticht, ist, wie viele Studenten hier Jogginghosen im ganz normalen Unialltag tragen. Aber mir fällt dabei auf, wie entspannt alle wirken. Auch wenn ich ab und zu einige Stücke eines Gesprächs mitbekomme, hört man weniger Klagen und Gemecker über die Schrecken der Universität, als ich es aus Deutschland gewohnt bin.

Ich laufe von der Bushaltestelle an mehreren kleinen Cafés, Studentenwohnungen und kleineren Parkanlagen vorbei und überquere den River Lee. Ich genieße wie immer den Anblick dieses Campus, der perfekt einen klassischen Campus, wie man ihn aus englischen Krimis oder amerikanischen College-Komödien kennt, mit neueren Unigebäuden vereint.

Ausblick auf den River Lee vom Stadtzentrum aus

Ich erreiche das Gebäude, welches meinen Bereich für Lebensmittelwissenschaften beherbergt. Im Vergleich zum Chemie-Neubau vergleichsweise kompliziert gebaut, beherbergt es fast alles, was man sowohl für die Forschung als auch für die Herstellung eines guten Festessens benötigt. Eine Bäckerei, eine Brauerei und sogar eine Fleischerei haben hier neben den Laboren Platz.

Ich habe mich beim ersten Mal, als ich dieses Gebäude betreten habe, aber gewundert, wo die Labore für die Praktika untergebracht sind. Aus dieser Verwunderung entstand die Frage, wo die Studenten den praktischen Teil ihres Studiums absolvieren. Die Antwort traf mich eines Tages, als ich in der Bäckerei arbeitete und mir auf einmal meinen Arbeitsplatz mit 20 weiteren Menschen teilen musste. Denn die Praktika hier in Cork finden in denselben Laboren und an denselben Anlagen statt wie die Forschung. Auch gibt es innerhalb des Masterstudiengangs Food Science Forschungsprojekte, die die Studierenden absolvieren müssen. Das halte ich für eine gute Idee, um akademisches Arbeiten zu vermitteln.

Was mir dabei auch während meiner Arbeit auffällt, ist, wie sehr das Lehren und Lernen hier auf Augenhöhe stattfindet. Dies merke ich vor allem beim Umgang mit meinen Kollegen, die mich nicht wie einen einfachen Erasmusstudenten behandeln, sondern wie einen von ihnen.

Gegen 13 Uhr steigt langsam Hunger in mir auf. Im Gegensatz zu Dresden führt mich mein Weg nicht in die Mensa, sondern wie meistens in die kleine Küche, um in der Mikrowelle mein Essen aufzuwärmen. Zwar spiele ich kurz mit dem Gedanken, mir im Element Café oder in einem der vielen kleinen Läden auf dem Campus ein Sandwich zu holen, doch das leise Schluchzen meines Portemonnaies hält mich davon ab.

Nach meiner kurzen Mittagspause und einem Instantkaffee, an den ich mich langsam gewöhnen musste, begebe ich mich zu meiner einzigen Vorlesung der Woche. Da ich hier als Praktikant arbeite, kriege ich leider nicht so viel vom eigentlichen Unibetrieb mit, jedoch empfinde ich den Praxisbezug und die neuen Erfahrungen, die damit verbunden sind, als sehr hilfreich.

Es fallen einem jedoch bei dieser einen Vorlesung schon genügend Unterschiede zu einer an einer deutschen Uni auf. Einer von diesen Unterschieden ist die Länge. Mit einer knappen Stunde sind die Vorlesungen deutlich kürzer, können dadurch auch weniger langweilen und die Aufmerksamkeit eher vom Smartphone fernhalten. Auch fällt mir jedes Mal auf, dass die Hörsäle kleiner, dafür aber vollkommen besetzt sind. Dies mag zwar auch an der Anwesenheitsliste liegen, gleichzeitig wirkt jeder Student interessierter, als ich es teilweise gewohnt bin.

Langsam neigt sich mein Tag dem Ende zu und ich verlasse das Unigelände – vorbei am mittelalterlichen Hauptgebäude und dem neuen Glasbau, der als Zentrum für die Studierenden dient und im Gegensatz zur Dresdner StuRa-Baracke einen erfrischenden Anblick bietet. Vielleicht auch deshalb erfrischend, weil hier eine Bar beherbergt ist.

Blick auf den River Lee auf dem Campus

Auf meinem Weg nach Hause sehe ich, wie einige Studenten den Tag in einem der zahlreichen Pubs bei einem kühlen Bier ausklingen lassen, und denke mir, dass diese Entspanntheit und das Leben zu genießen die größten Vorteile sind, die Cork und Irland zu bieten haben.

Text & Fotos: Jonas Atzler

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