Campuskolumne

Eine Unterführung in San Francisco, an der Grenze zu Chinatown. Ein Mann kniet vor einer Treppe, sein Kopf lehnt an der zweiten Stufe. Lebenszeichen? Gering. Es riecht nach Pisse und nach unaussprechlich Anderem. Hilflosigkeit macht sich breit, aber auch Ekel.

Das ist kein Einzelfall, das Bild wiederholt sich. Die Hose, die nur von einer Hand halbwegs in Position gehalten wird, ist zerfetzt. Die Schuhe oder das, was mal Schuhe sein sollten, geben die Zehen mehr preis als dass sie diese schützen. Die Füße, wenn sie überhaupt in Schuhen stecken, sind schwarz vor Dreck. Der Geruch lässt wahrscheinlich nur ansatzweise erahnen, unter welchen Umständen diese Menschen leben. Sie heben hastig weggeworfene Zigaretten auf und ziehen noch mal daran. Das Frühstück besteht aus einem Päckchen McDonald’s-Currysauce, das genüsslich ausgeschleckt wird.

In Portland, Oregon liegt ein Mann mittleren Alters an der Flusspromenade, wo andere vergnügt mit ihrem Smartphone vorbeijoggen. Sein Oberschenkel ist auf einer Länge von 10 bis 15 Zentimetern offen, die Wunde eitrig und verkrustet. Ein paar Meter weiter wäscht sich eine Frau in ihrem buntgefleckten Badeanzug in einem Brunnen. In Hollywood liegen die Menschen auf dem Walk of Fame neben Stars und Sternchen auf dem Boden, in Las Vegas hocken sie in einer Ecke direkt am Strip. In Seattle sitzen sie am Pioneer Square unter der Pergola aus Eisen. An ihnen vorbei rennen Menschen mit Businessanzügen, mit iPhone und Kopfhörern im Ohr. Menschen mit kurzen Kleidchen und noch knapperen Oberteilen, mit braungebrannter oder doch gleich roter Haut. Geschäftsmenschen, Touristen, Einheimische. Ignorante, zwanghaft Ignorierende, angeekelt Wegguckende.

Reist man in den Westen der USA, dann ist man auf verschiedene Eindrücke vorbereitet. Auf dampfende und zischende Geysire im Yellowstone, auf Bisons, Kojoten und Bären. Auf endlos blinkende Lichter, das Klackern und Klickern der Spielautomaten und entfesselte Menschen in Vegas. Auf das güldene Licht, das sich gen Abend auf die Golden Gate Bridge legt.

Hat man den Menschen wenige Zentimeter neben Konsum und Kommerz einmal in die Augen oder auf die Füße geschaut, brennt sich dieses Bild aber am meisten ein. Es überlagert das strahlende Bild vom verheißungsvollen Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Es macht traurig – und wütend. Es hinterfragt die eigenen Gewohnheiten und schärft das Bewusstsein fürs eigene Glück.

Text: Nadine Faust

Foto: Amac Garbe

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