Campuskolumne

Sitzen zwei Physiker in der Bar und unterhalten sich. Sagt der eine: „Und wie lief das Strahlenexperiment?“ Darauf der andere Physiker: „Ich darf gerade nicht mit radioaktiver Strahlung experimentieren, ich bin schwanger.“

Kurz gestutzt? Komisch, denn wenn Du „Physiker“ sagst, meinst Du natürlich auch Physikerinnen. Ist ja klar. Das muss man ja deswegen nicht extra dazusagen. Physikerinnen und Physiker klingt so umständlich und zerstört den Lesefluss. Und Physiker*innen sieht ästhetisch so unschön aus. Unsere schöne Sprache! Ist doch selbstverständlich, dass beide Geschlechter gemeint sind. Oder doch nicht? Wie eine Studie zeigt, auf die sich auch die Süddeutsche Zeitung mit einem aktuellen Artikel zur geschlechtergerechten Sprache bezieht, fühlen sich junge Frauen durch das generische Maskulinum – Ingenieur, Chemiker, Mechatroniker – von bestimmten Berufen ausgeschlossen. In der Folge hatten sie weniger Zutrauen, diese zu ergreifen. Berufliche Chancengleichheit fängt also bei der Sprache an.

Aber ist es nicht völlig egal, welche Form man nimmt, solange man beide meint? Klar, dann könnte man theoretisch auch ausschließlich die weibliche Form benutzen. Hat die Uni Leipzig getan und 2011 offiziell das generische Femininum eingeführt. Spätestens an dieser provokanten Regelung und dem natürlich nicht ausgebliebenen Shitstorm sieht man/frau, dass es eben doch nicht so leicht ist mit dem Mitmeinen. Eine rein maskuline oder feminine Form kann nicht beide Geschlechter bezeichnen, ohne eines zu benachteiligen. Das haben die wenigen männlichen Hebammen schnell gemerkt: Wie selbstverständlich haben sie die Bezeichnung „Entbindungspfleger“ bekommen – die Männer sollen sich ja nicht durch die weibliche Berufsbezeichnung degradiert fühlen. Verständlich. Denn Sprache beeinflusst. Mit geschlechtlichen Begriffen in der Sprache sind zwangsläufig gewisse soziale Erwartungen verbunden. Rollenbilder und Stereotype spiegeln sich in der Sprache wider, die wiederum eine jeweilige Generation prägt. Soll sich gesamtgesellschaftlich etwas ändern, muss sich auch die Sprache ändern. Dabei wird sie nicht zerstört oder verhunzt, sondern einfach von ihrer Zeit mitgestaltet. Wie es übrigens sowieso über die Jahrhunderte hinweg immer schon automatisch passiert ist.

Warum sollte also nicht auch ein neuer, geschlechtergerechter Diskurs in der Sprache repräsentiert werden dürfen? Die Unis jedenfalls rüsten gegen das generische Maskulinum und für eine gerechtere Sprache auf: „richtig gendern“-Workshops oder Leitfäden für Hausarbeiten zeigen, dass gendersensible Sprache ebenso elegant und präzise sein kann, ohne dabei ein Geschlecht zu benachteiligen. Aber ist das nicht nur ein Thema für Linguisten-Partys, auf die Du sowieso nie gehen würdest? Falsch. An der TU Dresden gibt es seit diesem Sommersemester die Vortragsreihe „Gender Studies für Mathematik und Naturwissenschaften“, die dieses Feld aus dem Kosmos der Geistes- und Sozialwissenschaften heraushebt – und damit beweist, dass alle Wissenschaftler*innen das Zeug zur gendergerechten Sprache haben!

Text: Tanja Rudert

Foto: Amac Garbe

Ein Gedanke zu “Campuskolumne

  1. Zu diesem Thema kann ich euch nur die Diskussionsveranstaltung „Sprache und gesellschaftlicher Wandel“ des Referats für Gleichstellungspolitik des StuRa TU Dresden am 04.07.2018, 18:30 Uhr im REC/B214 ans Herz legen:
    Es werden Mihael Švitek, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Germanistik der TU Dresden, Dr. Jutta Luise Eckhardt, Gleichstellungs- und Frauenbeauftragte der TU Dresden, und
    Dr. Alexandra-Kathrin Stanislaw-Kemenah, Gleichstellungsbeauftragte für Frau und Mann der Stadt Dresden, diskutieren, welche Einfluss (nicht) geschlechtergerechte Sprache auf unser Denken und Handeln hat.

    Mehr Infos gibt’s hier: https://www.stura.tu-dresden.de/veranstaltungen_des_referats_gleichstellungspolitik

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