Campuskolumne

Ich habe am Montag ziemlich viele Sachen gelernt, die ich eigentlich nie lernen wollte. Ich habe gelernt, dass Jogi Löw mit einem Kader von 23 Fußballern nach Russland fährt (Stehen da nicht nur 11 auf dem Platz?). Ich habe gelernt, dass man eigentlich nicht mit drei Torwarten im Kader zu einer WM fährt (Sind aller guten Dinge nicht drei?). Ich weiß jetzt auch, dass Leroy Sané als schneller Stürmer nicht so in das System vom Jogi passt (Gehts beim Fußball nicht um Tore?). Und, besonders wichtig: Der Jogi, der sagt immer „Sahne“ statt „Sané“. Typisch unser Jogi!

Unser Jogi hat gestern seinen endgültigen Kader für die Fußballweltmeisterschaft in Russland verkündet. Mit allem Pathos, das der gemeine Schwabe so aufbringen kann, hat er jene vier Unglücklichen genannt, die (Welch‘ Jammer!) ganz umsonst ins Trainingscamp nach Südtirol gefahren sind. Wo man auch las, hörte oder sah: Das war Nachricht Nummer eins. BAMF-Untersuchungsausschuss hin, die Wahl in Slowenien her. Zur Erinnerung: Es ging hier nur um den Kader. Um 23 Spieler, von denen viele wohl nicht einmal auf dem Platz stehen werden.

Wie so oft hörte man bei all den sportlichen Haupt- und Nebensächlichkeiten zudem kaum ein kritisches Wort. Die Kritik an einer FIFA, die es mit Doping-Kontrollen nicht allzu ernst nimmt und Turniere bevorzugt in autokratischen Staaten austrägt, die dann, siehe Russland, kritischen Journalisten wie Hajo Seppelt zunächst das Visum verwehren. Schließlich hatte der zum dortigen Staatsdoping recherchiert. In Katar schuften gerade Arbeiter aus Indien und Pakistan für einen Hungerlohn in der Hitze. Und wer fragt eigentlich, ob in einem Wüstenstaat wirklich vollklimatisierte Stadien in die Landschaft gesetzt werden müssen, die danach keiner mehr braucht? All das mag in manchen Medien vorkommen – aber an zweiter, dritter, vierter Stelle. So entsteht ein verzerrtes Bild eines bunten, fröhlichen Sportspektakels, dank dem sich plötzlich alle lieb haben.

Auch wenn sich verdammt viele Menschen für Männer interessieren, die 90 Minuten einem Ball hinterherrennen; auch wenn sie mitfiebern, mitgrölen, mitweinen; auch wenn die Deutschen ein Fußballvölkchen sind: Der Fußball darf nicht die Medien dominieren, erst recht nicht x Tage vor der WM, erst recht nicht die öffentlich-rechtlichen. Denn die gesellschaftliche, die demokratische Relevanz einer Fußball-WM hält sich doch arg in Grenzen. Hat der WM-Pokal 2014 dem Zusammenhalt genützt? Allenfalls verstopft die WM unsere Supermärkte mit überteuerten Fan-Artikeln und unsere Städte mit überfüllten Fan-Meilen. Die WM überlagert wichtigere Themen. Der Informationsgehalt der Medien nimmt ab – für Quoten, Klicks und Auflagenzahlen. ARD und ZDF geben 218 Millionen dafür aus, auch drittklassige Vorrundenspiele zu übertragen und Ex-Profis gebetsmühlenartig Pseudo-Weisheiten über den perfekten Stürmer und das Innenleben eines Torwartes wiederholen zu lassen. Ich habe GEZ-Gegner noch nie so gut verstanden. Können sich Fußball-Fans nicht einfach den Kicker kaufen?

Text: Luise Martha Anter

Foto: Amac Garbe

2 Gedanken zu “Campuskolumne

  1. Ich hatte mich vor zwei Wochen noch gefragt wo denn der Fußballwahnsinn bleibt, aber jetzt ist er angekommen. Großer beitrag in der tagesschau, beginnend mit „die folgenden drei sind raus“. Musste schmunzeln über diese wichtigtuerei, aber andererseits ists auch traurig – viele haben daran eben größeres interesse als an echten Nachrichten, und danach richten sich die Medien. Oder umgekehrt..?

  2. Du hast sicher recht, dass wichtige Thema dann vielleicht nicht in aller Fülle behandelt werden, jedoch muss man auch die latente Funktion für die Gesellschaft betrachten, die auch Vorteile bringen kann. Fußball-Wm/EM ist die eine Zeit im Jahr, wo die Deutschen innerhalb kürzester Zeit einen gemeinsamen Konsens finden und das Wort Patriotismus nicht nur negativ in Gedenken an Geschichte verwendet wird. Auch die engmaschige Berichterstattung über ein eigentlich banales Thema wie Fußball trägt seinen Teil dazu bei, gesellschaftliche Gemeinsamkeiten anzusprechen, die im restlichen Jahr eher durch Kritische Themen überlagert werden.

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