Campuskolumne

Wir leben in einer Zeit, in der Flexibilität ein Muss ist. Egal ob es sich dabei um den Handyvertrag, den Arbeitsalltag, den ständigen Druck, erreichbar sein zu müssen, oder die allgemeine Lebensplanung handelt. Frei und unabhängig zu sein, das Leben nach den eigenen Vorstellungen zu gestalten, all das ist zum Selbstverständnis geworden. Werte und Normen sind dehnbare Begriffe und in jedem Fall individuell. 20 Jahre bei dem gleichen Arbeitgeber tätig zu sein, zu heiraten, ein Haus zu bauen und Kinder zu kriegen ist längst kein Muss mehr. Diese Erwartungshaltung ist größtenteils passé. Es geht vielmehr um Selbstfindung und zwischen allen Optionen und Möglichkeiten, die das Leben für uns bereithält, die zu finden, die uns wirklich glücklich machen. Sich selbst (neu) zu entdecken, an die erste Stelle zu setzen und lieben zu lernen, das wird nicht nur in den sozialen Medien unter dem Begriff „selfcare“ thematisiert, sondern auch durch einen vielseitigen, sprunghaften Lebenslauf unserer Generation deutlich.

Immer wieder wird mit dieser Mentalität der Selbstverwirklichung das Stichwort „Beziehungsunfähigkeit“ in den Raum geworfen. Wenn ich mit Freund*innen rede, entdecke ich immer wieder die gleiche Gegebenheit. Sobald es um Beziehungen geht, kommen Aussagen, die alle denselben Kern haben: sich nicht festlegen wollen, sich nur auf sich konzentrieren. Unverbindlichkeit ist das Stichwort. Es entsteht der Eindruck, dass man einen Teil des Selbst oder die Möglichkeit auf Selbstverwirklichung aufgibt, sobald man sich für etwas entscheidet und damit auch bindet. Egal, ob es sich dabei um Stadt, Freund*innen, Familie, Partner*in handelt.

Aber seit wann steht denn Selbstverwirklichung im Gegensatz zu einer Verbindung mit einem anderen Menschen? Es scheint nahezu unmöglich, sich selbst entfalten zu können, wenn man sich für etwas entscheidet. Vielleicht steht dahinter die Angst, etwas zu verpassen. Eine Angst vorm Kompromiss. Aber liegt der Kompromiss nicht in den Händen der eigenen Person und denen des Gegenübers? Ist es nicht möglich, sich selbst an der Seite einer anderen Person zu verwirklichen? Können Freund*innen, eine Stadt, eine Bindung nicht auch helfen, sich zu dem Menschen zu entwickeln, der man sein möchte, und die Sachen zu machen, die man schon immer vorhatte? Ich habe das Gefühl, wir schließen diese Option automatisch aus. Als wäre es nur möglich, sich selbst zu finden, wenn man einsam ist.

Ich plädiere für mehr Mut, sich auf Bindungen einzulassen. Ich plädiere dafür, das Risiko einzugehen, sich an Menschen und Städte zu binden. Ich plädiere für mehr Vertrauen in sich selbst. Vertrauen darin, wieder aufstehen zu können und sich selbst nicht zu verlieren, auch wenn man mit Beziehungen, die man eingeht, auf die Klappe fliegt. Ich plädiere dafür, mehr zu riskieren. Sich mehr zuzutrauen. Es zu wagen, länger an einem Standort zu verweilen, um diesen in all seiner Vielfalt kennenlernen zu können.

Denn es ist möglich, auf sich selbst acht zu geben und sich einer Person zu öffnen. Sei es gegenüber dem One-Night-Stand, der neuen Arbeitskollegin, den Kommiliton*innen oder der platonischen Freundschaft. Sei es gegenüber einer Arbeitsstelle oder der Stadt, in der man neu ist. Wenn wir Projekte und Vorhaben vorschnell abbrechen, weil der erste Eindruck einschränkend ist, nehmen wir der Situation die Chance, sich in etwas Positives entwickeln zu können. Denn wenn wir aufhören, auf die Suche nach bereichernden Weggefährt*innen und Situationen zu gehen, vergessen wir, dass Unabhängigkeit zwar lehrreich und wichtig ist, jedoch auch schnell in Einsamkeit münden kann.

Und ich glaube, dass die Leute, die einen wertschätzen, einen bei der Suche nach dem Selbst begleiten und bereichern werden.

Text: Anika Radewald

Foto: Amac Garbe

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