Campuskolumne

Manche Dinge kommen mir vor, als seien sie erst gestern gewesen. Aber sie sind schon drei Jahre her. Seit 2016 werden im Einzelhandel zunehmend Gebühren für Plastiktüten verlangt, ein Jahr zuvor hatte u. a. eine große Drogeriekette die Gratis-Plastiktütchen an den Kassen abgeschafft. Und jetzt ertappe ich mich dabei, wie ich feststelle: Es funktioniert.

Obwohl ich mit Stoffbeuteln aufgewachsen bin, fand ich Plastiktüten früher schick. Sie waren bunt, im Winter mit Schneeflocken, im Sommer mit grafischen Mustern, passend zur neuesten Kollektion der Klamottenkette. Ein Wirrwarr aus bunten Tüten erregt auch heute noch meine Aufmerksamkeit. Du bist, was Du einkaufst. Du kannst es Dir leisten, in verschiedenen, teuren Läden zu shoppen. Selbst eine zerknitterte Plastiktüte sieht schön aus, weil sie glänzt. Außerdem gibt es Tüten in vielen verschiedenen Formen – für kleine Bücher, für große Bücher, für eine Tafel Schokolade.

Das war eines meiner Bedenken: dass nicht die passende Größe für meinen Einkauf in meiner Stoffbeutel-Sammlung vorhanden ist. Das Bild wandelt sich, langsam. Kürzlich sah ich in einem Buchladen Stoffbeutel, in die nur ein Buch passt. Oder zwei Tafeln Schokolade – keine großen Taschen für kleine Einkäufe. Ich glaube, der Handel hat sich den Bedürfnissen angepasst. Ohnehin bieten Stoffbeutel viele Möglichkeiten für Statements. Ob schicke Logos oder witzige Sinnsprüche: Mittlerweile ist es kein Standpunkt mehr, dass man einen Stoffbeutel benutzt, sondern er passt auch zur Gruppe, der man sich zugehörig fühlt – egal ob Buchfreund, Grafik-Liebhaber oder Gucci-Fan.

Ein weiteres Problem: Ich vergesse gern, den Beutel einzupacken. Wenn ich ihn nicht vergesse, dann falte ich ihn uneffektiv groß und er nimmt Platz weg. Das Problem hat sich nicht aufgelöst. Aber ich gehe anders damit um. Wie viel Platz sich in einer Tasche findet, wenn man ihn wirklich braucht! Oder ich nehme meine Einkäufe in die Hand und teste dabei die Gesetze der Physik aus. Auch, dass jeder sehen kann, welche Limo-Marke ich gern trinke oder dass ich gern Tütensuppen esse, ist mir mittlerweile egal. Nur manchmal wird es unangenehm, wenn ich meine Einkäufe umständlich verstauen muss, während hinter mir Leute in der Schlange warten.

Leider sind nicht alle Stoffbeutel wasserfest – oder die Farbe, mit der sie bemalt sind. Einen holte ich als Knäuel aus der Waschmaschine, weil er durch die Druckfarbe zusammenklebte … Aber ich hoffe, dass sich das einmal ändert. Bis dahin hält mein Stoffbeutel auch länger als die 100 Mal, die ich ihn benutzen muss, damit er ökologisch besser dasteht als eine Plastiktüte.

Text: Vivian Herzog

Foto: Amac Garbe

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