Hitze, Dürre, Boofer

Die Sächsische Schweiz wird von Waldbränden heimgesucht: Allein in diesem Jahr hat es schon 15 Mal gebrannt. Doch Schuld daran ist nicht nur der Klimawandel.

Oberhalb von Rathen, auf dem Wanderweg zwischen Bastei und Steinernem Tisch, hängt im Wald ein Absperrband. Dahinter beginnt ein schmaler, gerade erst ausgetretener Pfad. Immer weiter schlängelt er sich zwischen Bäumen und Felsen entlang, oft kaum erkennbar. Der Boden, wunderbar weich und federnd, schluckt jedes Geräusch. Die Luft ist klar und angenehm kühl, durch die Bäume scheint das erste Abendlicht.

Doch die Bäume sind nicht sommerlich grün, auch nicht herbstlich gelb. Sie sind schwarz. Denn das Waldstück hinter dem Absperrband ist nicht irgendein Waldstück, es ist eine Brandfläche, 15.000 Quadratmeter groß. Unter den Kiefernnadeln, die überall herumliegen, kommt ein aschgrauer Boden zum Vorschein, die verkohlten Stämme und Wurzeln sehen aus wie nach einem Lagerfeuer, die Blätter, die weiter oben noch hängen, wie im tiefsten Herbst. Kein Grün, nirgends. Fünfzehn Minuten braucht Hanspeter Mayr, um zum äußersten Punkt der Brandfläche zu gelangen. Mayr ist Geograph und Pressesprecher des Nationalparks Sächsische Schweiz, ein drahtiger Mann mit einem freundlichen, von jahrelanger Arbeit in der Natur ausgegerbten Gesicht. „Vor 14 Tagen“, sagt er, „sah es hier noch viel schlimmer aus.“ Es war der frühe Nachmittag des 2. August, als aus einem normalen Donnerstag ein Tag wurde, den man hier wohl nicht so schnell vergessen wird. Insgesamt 400 Feuerwehrleute und Mitglieder der Bergwacht waren im Einsatz, bis zu 150 halfen gleichzeitig auf der Brandfläche. Immer wieder schleppten sie ihr 20, 30 Kilo schweres Gepäck durch das unwegsame Gelände zu den Brandnestern, hin und her, 24 Stunden lang. Erst dann war der Brand gelöscht. Für den Nationalpark ist es Brand Nummer 15 in diesem Jahr.

Von Waldbränden hat man schon viel gehört in diesem Sommer, der so heiß und so trocken ist, dass der Klimawandel nicht mehr nur in den Nachrichten stattfindet, sondern vor der eigenen Haustür. Darum sollte es eigentlich auch hier gehen: Ein Text über den Klimawandel und seine Folgen für den Nationalpark Sächsische Schweiz. Doch wenn man sich mit Hanspeter Mayr unterhält, ist schon nach wenigen Minuten klar: Das wird kein Text über den Klimawandel. Sondern einer über den Menschen.

In der Nähe der Brandfläche haben Ermittler Reste eines Lagerfeuers und Camping-Utensilien entdeckt, Klappstühle, Matten, Planen. Fundort: eine illegale Boofe. Auch wenn es noch nicht bewiesen ist, hält die Nationalparkverwaltung die Eigentümer der Gegenstände für die Verursacher des Brandes. Erst vierzehn Tage zuvor hatte es bei der Bastei schon einmal gebrannt, direkt unter einer Aussichtsplattform. „Da hat wohl jemand eine Zigarette runtergeworfen“, vermutet Mayr. Er schüttelt den Kopf. Kurze Zeit später zieht er eine Tabakpackung aus dem Sand in einer Boofe, nicht der einzige Plastikmüll an diesem Nachmittag. „Auch wenn die Gefahr nicht so groß ist wie bei Naturmaterial, könnte sich Plastik bei diesen Verhältnissen entzünden“, sagt Mayer. „Von den 15 Bränden in diesem Jahr wurden 12 vom Menschen verursacht.“ Hitze und Dürre seien da nur Katalysatoren: 2017 hat es zwar nur sechsmal gebrannt, doch an fünf Bränden waren Besucher schuld. Ein besonders großes Risiko geht von Boofern aus – nicht nur, weil sie im Wald essen und ihn als Toilette benutzen. Sondern auch, weil für viele Boofer die Nacht im Freien erst mit einem Lagerfeuer zum Abenteuer in der Wildnis wird. Über 300 ausgebrannte Lagerfeuer hat die Nationalparkwacht 2017 entdeckt, die Dunkelziffer liegt wohl weit höher. „Wir vermuten, dass es mindestens eins pro Tag gibt“, sagt Mayr. Natürlich ist es verboten, im Nationalpark ein Feuer zu machen, immer und überall. Doch dafür scheint bei vielen Boofern das Bewusstsein zu fehlen. „Sie überschätzen sich“, sagt Mayer. „Die machen das Feuer auf einem Riff, auf dem nur eine Humusschicht den Felsen bedeckt. Dann löschen sie es mit Wasser oder Urin – und denken, das passt schon.“ In Wirklichkeit aber verbleiben Glutnester im Humus, die alsbald zu Brandherden werden können.

Die Nationalparkverwaltung hat auf die Gefahr reagiert und den Nationalpark nachts gesperrt. Seit dem 20. Juli herrscht zwischen 21 und 6 Uhr striktes Begehungsverbot. An allen Eingängen weisen Schilder mit großen Lettern auf die Sperrung hin, mehrsprachig. Jeden Abend läuft die Nationalparkwacht Patrouille und besucht im ganzen Nationalpark offizielle wie illegale Boofen. Auch an diesem Abend will Mayr zu ein paar neuralgischen Punkten. Er parkt sein Elektroauto auf einem Wanderparkplatz mit Campingautos, die kommen ihm verdächtig vor – in der Nähe ist kein Campingplatz. Will da jemand boofen? Zehn Minuten stapft er über eine schmalen Pfad durchs Dickicht, dann kommt eine Boofe zum Vorschein. Niemand drin. Ein kleines Schild, darauf auch ein durchgestrichenes Feuer, weist sie als offiziell aus. Ein paar Meter den Fels entlang liegt schon die nächste Boofe, eine ohne Schild, eine illegale. Auch sie ist leer – bis auf große, verkohlte Äste, die im Sand liegen. Vor zwei Wochen hat man hier einen Boofer in flagranti beim Feuern erwischt, erzählt Mayr. Er hievt zwei Äste hoch, in jeder Hand einen, und schmeißt sie ein paar Meter weiter ins Dickicht. „Damit niemand auf dumme Ideen kommt.“

So unauffällig wie an diesem Abend läuft es an den meisten Tagen. Mayr und seine Kollegen sind zufrieden: „Das Verbot wird erstaunlich gut eingehalten.“ Vorerst gilt es auf unbestimmte Zeit. Die Natur wird sich freuen: Boofer erhöhen nicht nur das Waldbrandrisiko, sie sind vor allem ein großer Stressfaktor. Verlassen die gekennzeichneten Wege, stören die Nachtruhe, treiben Tiere in die Nähe von Fressfeinden. In den Neunzigern wurde der Wanderfalke am Lilienstein erfolgreich wieder angesiedelt, rund 70 Tiere leben in seiner Nähe. Doch nun gehen die Brutzahlen zurück – in der Nähe sind beliebte Boofen. „Wir wollen eigentlich nicht zuschauen, wie unsere Erfolge im Naturschutz verloren gehen“, seufzt Mayr. Ob das Boofen bald dauerhaft verboten werde? Er winkt ab. „Wir wollen die Tradition der Kletterer achten.“ Um ihnen diese nicht zu nehmen, hat die Nationalparkverwaltung 58 offizielle Boofen ausgewiesen, alle außerhalb der besonders geschützten Kernzone. Doch Boofen ist äußerst beliebt: 3.100 Boofer hat die Nationalparkwacht 2017 im Gebiet des Großen Zschand gezählt, im Jahr zuvor waren es sogar 3.600 – allein in den drei offiziellen. Die Kletterer, schätzt er, machen nur noch zehn Prozent aus. Mayr trägt die Zahlen in einer Mischung aus Erstaunen und Empörung vor. „Boofen ist ein unheimliches Privileg.“ Vielen scheine das nicht bewusst zu sein.

„Häufig bleibt einem doch gar nichts anderes übrig“, meint Axel, der gerade auf dem Weg zum Pfaffenstein ist und selbst schon boofen war. „Es gibt hier einfach zu wenige zentrale Plätze zum Campen.“ Natürlich sei das Boofen auch „einfach schön“, sekundiert seine Frau Marit, vor allem aber sei es Pragmatismus: Irgendwo müsse man ja schlafen. Aus dem gleichen Grund haben Ulrike und Conny, ebenfalls auf dem Weg zum Pfaffenstein, Verständnis für Boofer. Das Verbot finden sie trotzdem gut: „In so einem Sommer muss man die Natur vor den Menschen schützen.“ Die beiden machen gerade den Malerweg – und sind überrascht, wie trocken und herbstlich alles ist. Vor drei Jahren, als sie die Etappenwanderung quer durch die Sächsische Schweiz schon einmal gingen, habe das alles „viel gesünder und grüner“ ausgesehen. „Ich habe mich vor allem auf die Heidelbeeren als Proviant gefreut“, erzählt Ulrike, „doch die sind ja alle vertrocknet.“

Wenn Geograph und Nationalpark-Pressesprecher Hanspeter Mayr an einem verkümmerten Heidelbeerstrauch vorbeiläuft, kommentiert er nüchtern: „Die haben entschieden, dieses Jahr eher Herbst zu machen.“ Ihm treibt der Klimawandel weniger Sorgenfalten auf die Stirn, auch wenn er den Wald natürlich beeinflusse. Da wäre das Beispiel mit den Fichten: Der Borkenkäfer, ihr Erzfeind, erfreut sich sehr an Hitze und Dürre. In großer Zahl nistet er sich in der Rinde der Bäume ein, wodurch diese weder Wasser noch Nährstoffe transportieren können – und sterben. Dadurch kommt mehr Licht in den Wald, was wiederum die Samen im Waldboden freut. Darunter finden sich, dank Eichelhäher und Eichhörnchen, viele Buchensamen. „Der Klimawandel ist ein Prozess“, sagt Mayr. „Wir verfolgen mit Interesse, wie er die Natur verändert.“ Es sei eine Art Feldexperiment. Hinter dieser entspannten Haltung steht die Philosophie des Nationalparks: „Wir lassen die Natur machen.“ Da wird nicht nachgepflanzt, nicht gewässert, nicht gefüttert. Schließlich, erzählt Mayr, regeneriere sich die Natur am schnellsten selbst. An den Klimawandel kann sich die Natur besser anpassen als an die vielen Boofer, die Nacht für Nacht zugegen sind.

Auf der Brandfläche Stunden zuvor hatte Mayr den Blick zum Schluss noch einmal über die riesige Fläche schweifen lassen, über die verkohlte Vegetation und die verrußten Felswände. „Das Feuer“, hatte er nach einigem Schweigen gesagt, „war immer etwas, mit dem der Mensch sich die Natur zum Untertan gemacht hat.“

Text: Luise Martha Anter

Foto: Amac Garbe

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