Campuskolumne

Ich habe schon nachts in der sächsischen Provinz Autos gezählt; mir von einem Schlachter erzählen lassen, dass er seine Arbeit nicht als Töten empfindet. Ich habe mit dem Schwert gekämpft und Foodora-FahrerInnen vom Rad geholt. Doch für diese Recherche habe ich das größte Opfer erbracht: Ich bin Unterstützerin von „#aufstehen“ geworden.

„#aufstehen“, so haben Linken-Fraktionschefin Sahra Wagenknecht und ihre Unterstützer, darunter der Berliner Dramaturg Bernd Stegemann und der Soziologe Wolfgang Streeck, ihre linke Sammlungsbewegung getauft. Offizielle Gründung soll erst Anfang September sein, doch bereits seit einigen Tagen hat die Bewegung eine schicke Website: #aufstehen – DIE SAMMLUNGSBEWEGUNG. Statt Inhalten gibt es da aber nur Videos von bisherigen Unterstützern zu sehen, kurze Parolen, die, wären sie nicht gegendert, auch von CSU oder AfD sein könnten („Den Bürgerinnen und Bürgen muss zugehört werden!“) – und einen Banner: „Werde Teil der Bewegung!“

In der Hoffnung, so Zugang zu Sahras Wunderland zu erhalten, registriere ich mich. Vorname, Nachname, Mailadresse. Doch auch nach dem Bestätigungslink: Nur die 20 Videos. Da klagt Rentner Rolf über seine niedrige Rente, Tierschützern Sarah über den hohen Fleischkonsum, DJ Rene über den Notstand in den Kitas. Die Kamera ist nah an den Protagonisten, die Musik dramatisch, die Menschen berichten über ihre persönlichen Erfahrungen mit gesellschaftlichen Missständen – viel mehr aber eint die Videos nicht. „#aufstehen“, so scheint es, ist keine Sammelbewegung, sondern ein Sammelbecken. Ein Sammelbecken für Unzufriedene. Konkrete Themen, Konzepte, Lösungen – sucht man alles vergebens. Das vage Ziel: Neoliberalismus weg, soziale Gerechtigkeit her. Einfache Antworten auf komplexe Fragen, das kommt einem irgendwie bekannt vor.

Ebenso wie die Populisten von rechts wäre „#aufstehen“ ganz sicher kein Gewinn für unsere Demokratie. Zwar verkündet Wagenknecht gern, die Linke einen zu wollen und die Menschen wieder für die Demokratie zu begeistern. Doch sie dürfte das Gegenteil erreichen. In allen linken Parteien, insbesondere ihrer eigenen, gibt es Zoff über den Umgang mit „#aufstehen“. Die Grüne Antje Vollmer ist dabei, Parteichefin Baerbock hält nichts von der „Bewegung“. Der SPD-Politiker Marco Bülow unterstützt sie, Genosse Ralf Stegner wettert von einer „PR-Aktion mit starkem Egotrip-Anteil“. Ganz zu schweigen von der Linken selbst: Wagenknecht hat – unter anderem – mit ihrer Bewegung die ganze Parteispitze gegen sich aufgebracht. Das ist keine Einigung, sondern eine Schwächung der linken Parteien. Dabei sind Parteien schon qua Grundgesetz ein elementarer Bestandteil unseres politischen Systems. Sie sind Plattformen für politische Willensbildung und Partizipation, für alle. Natürlich gibt es in allen Parteien Reformbedarf, sie haben an Attraktivität und Ausstrahlung verloren. Doch wie wäre es, die Parteien von innen zu ändern, statt sie zu umgehen? Sie zu modernisieren, Möglichkeiten für Junge wie Alte zu schaffen, die eigenen Erfolge besser zu kommunizieren? Stattdessen schmeißen Sahra Wagenknecht und Co. alles in einen Topf namens „Neoliberalismus“ und machen ihr eigenes Ding. Ein gefährliches Ding.

Menschen für die Demokratie zu begeistern, das hieße, sie politisch zu bilden und ihnen bewusst machen: Das Maß an Beteiligung und politischer Freiheit, das wir in Deutschland ausleben können, das ist ein ziemlicher Luxus. Natürlich sind Bewegungen ein Teil dieser Partizipationsmöglichkeiten. Aber die Inszenierung von „#aufstehen“ als einen Gegenentwurf vermittelt Unzufriedenen das Gefühl, Misstrauen in unser politisches System sei absolut legitim. „Die da oben sorgen sich nicht um Euch, die etablierten Parteien erreichen nichts, Wählen ist verschwendete Zeit.“ Wenn „#aufstehen“ Erfolg hat, kann die Bewegung unserer Gesellschaft schaden, statt sie zum Besseren zu ändern.

Hoffentlich bin ich nicht die einzige Scheinunterstützerin.

Text: Luise Martha Anter

Foto: Amac Garbe

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