Unsere Kinohighlights 2025

Am 15. März werden in Los Angeles zum 98. Mal die Oscars verliehen und damit einige Filme des vergangenen Jahres ausgezeichnet. Für uns Grund genug, selbst mal zurückzublicken und unsere Filme des Jahres 2025 zu küren.

One Battle After Another

Regie: Paul Thomas Anderson; Besuchszahlen: 787.244 in Deutschland – Platz 23 laut insidekino.de

Gefühlt war der neueste Film unter Regie von Paul Thomas Anderson ein viel größerer Blockbuster, als es die Besuchszahlen letztlich zeigen. Immerhin mehr als eine Dreiviertelmillion Besucher:innen sahen „One Battle After Another“ in den deutschen Kinos, es hätten gerne noch deutlich mehr sein können. Viel wurde in den Medien über diesen Film berichtet, die Stimmen von Kritiker:innen waren nahezu durch die Bank weg überschwänglich positiv, aber es gab auch deutliche Beanstandungen und widersprüchliche Diskussionen.

In jedem Fall war „One Battle After Another“ einfach eines DER Kinohighlights des Jahres 2025, eine nahezu perfekte Mischung aus Anspruch und Unterhaltung. Die beeindruckenden Schauspielleistungen, sowohl von altbekannten als auch von neuentdeckten Darsteller:innen, werden darin äußerst visuell in Szene gesetzt. Der Plot ist komplex und vielschichtig, wird aber von Szene zu Szene mit Spannung und Spektakel stringent vorangetrieben und hat dadurch vom ersten bis zum letzten Bild an den Kinositz gefesselt – ein herausragender Verdienst bei der beachtlichen Laufzeit von nahezu drei Stunden.

Im Kern geht es um einen ehemaligen Revoluzzer (Leonardo DiCaprio), der sich mittlerweile mit seiner Vaterrolle abgefunden hat, bis seine aktivistische Vergangenheit ihn einholt und er sich auf die rasante Suche nach seiner Tochter (Chase Infiniti) machen muss. Die daran geknüpfte schonungslose Darstellung der aktuellen Situation in den USA, mit der dortigen Zuspitzung menschenverachtender Polizeigewalt, macht diesen Film zudem besonders relevant und sehenswert. Auch wenn oder gerade weil die Bestandsaufnahme in „One Battle After Anothersatirisch überhöht daherkommt, enthält sie doch eine sehr glaubhafte Substanz, denn wer vermag in diesem Kontext zurzeit immer treffsicher zwischen Realität und Satire zu unterscheiden?

In die Sonne schauen

Regie: Mascha Schilinski; Besuchszahlen: 354.301 in Deutschland – Platz 58 laut insidekino.de

Dieser Film bot ein Kinoerlebnis, welches sich nachhaltig in das Gedächtnis eingebrannt hat und wie es leider nur selten durch den deutschen Film gewagt wird. Hier wird eine parallele Erzählung von mehreren Schicksalen verwoben, die hauptsächlich und ganz besonders Frauen betreffen. Die Erzählung erstreckt sich über mehrere Jahrzehnte und Familiengenerationen. Die gezeigten Schicksale werden hauptsächlich dadurch miteinander verknüpft, dass sie alle an ein und demselben Ort geschahen.

„In die Sonne schauen“ ist ambitioniert, relevant, hochkomplex, cineastisch und nimmt seine Zuschauer:innen dabei kaum an die Hand. Die verschiedenen Zeitebenen fließen geradezu ineinander und sind an zahlreichen Stellen eher symbolisch verbunden. Es gibt stets wiederkehrende Handlungen und Bilder, die aber teils so flüchtig sind, dass sie schnell übersehen werden könnten und sich oftmals erst im Nachdenken über das Gesehene bemerkbar machen.

Auf diese gekonnt inszenierte Weise offenbart „In die Sonne schauen“ harte Erkenntnisse, Gewalt, Entmündigung und Misshandlungen gegenüber weiblich gelesenen Personen, die viel zu oft auch in der heutigen Zeit noch passieren und strukturelle Missstände darstellen. Die tolle Regieleistung von Mascha Schilinksi hält all diese Ebenen zusammen und sorgt für ein hohes Maß an Glaubwürdigkeit.

Viet und Nam

Regie: Trương Minh Quý; Besuchszahlen: –

Diesen Film werden wohl nur wenige Menschen überhaupt gesehen haben, wohl noch weniger im Kino und die meisten haben wahrscheinlich noch nicht einmal davon gehört. „Viet und Nam“ ist auch wirklich kein Film für die breite Masse, sondern langsam erzähltes Kunstkino über Traumabewältigung und die Sehnsucht nach einer vielleicht unerreichbaren Zukunft.

Im Kern geht es um zwei junge vietnamesische Bergarbeiter, die sich heimlich ineinander verlieben und gemeinsam auf die Suche nach einem im Vietnamkrieg verschollenen Vater begeben. Wer sich auf die ungewöhnlich ruhige Erzählweise dieses Films einlassen kann, wird auf eine so kunstvoll inszenierte wie emotional berührende Reise mitgenommen. Diese führt durch ein Land, welches auch Jahrzehnte nach dem durchlebten Krieg noch stark davon getroffen ist. Persönlich eine absolute Empfehlung und im Moment beispielsweise bei MUBI im Stream verfügbar.

Sorry, Baby

Regie: Eva Victor; Besuchszahlen: –

Auch dieser Film setzt sich mit einer harten Thematik auseinander und scheint dadurch auf den ersten Blick ebenfalls nicht für jede Person geeignet zu sein. Zugleich ist das beeindruckende Regiedebüt von Eva Victor, welche darin zudem kongenial die Hauptrolle übernimmt, unbedingt und ohne zu zögern so vielen Menschen wie nur möglich zu empfehlen.

Zum einen gerade weil es darin um ein schmerzhaftes Thema geht, welches nach wie vor viele Menschen betrifft und gleichzeitig so häufig beschwiegen wird: sexuelle Gewalt. Zum anderen, weil Eva Victor es schafft, dieses schmerzhafte Thema in einer einnehmenden Weise zu inszenieren, die einen letztlich umso nachhaltiger trifft, ohne jemals die Moralkeule schwingen oder reißerisch werden zu müssen.

Die Hauptfigur Agnes steckt voller eigensinnigem Witz und ungewöhnlichen Charakterzügen und geht zugleich in solch nachvollziehbar menschlicher Weise mit ihrem Trauma um, dass es nahezu unmöglich ist, nicht mit ihr zusammen zu lachen und zu weinen. Dadurch ist „Sorry, Baby“ letztlich eine Komödie, die bei all ihrem Unterhaltungswert auch ohne Tragik nachdenklich macht.

Misericordia

Regie: Alain Guiraudie; Besuchszahlen: –

Dieser Film ist ein weiterer persönlicher Geheimtipp, den bisher wohl kaum jemand auf dem Schirm hat. Über den Plot sollte so wenig wie möglich im Voraus verraten werden, da dessen spannende Entwicklung gerade den besonderen Reiz dieses französischen Thrillers ausmacht.

Der junge Mann Jérémie (Félix Kysyl) kehrt aus der Stadt in sein Heimatdorf im ländlichen Frankreich zurück, um einer Beerdigung beizuwohnen, und gerät dort in absonderliche Verwicklungen. Der Film von Regisseur Alain Giraudie baut von Beginn an eine unheilvolle Spannung auf, die stark an Alfred Hitchcocks Werk erinnern lässt.

Gleichzeitig ist „Misericordia“ gespickt mit einem seltsamen Humor und ungewöhnlichen Figuren, welche die Grenze zwischen Realität und Vorstellung zunehmend verwischen lassen. Der ganze Rest sollte unbedingt selbst erlebt werden!

Memoiren einer Schnecke

Regie: Adam Elliot; Besuchszahlen: –

Alle Fans von Adam Elliots einzigartigem Meisterwerk „Mary und Max“ hatten 2025 einen Grund zum Jubeln. Nach 16 Jahren Wartezeit brachte der Animationskünstler endlich wieder einen eigenen Langfilm in die Kinos – und die Geduld hat sich ausgezahlt. „Memoiren einer Schnecke“ atmet Jahre der liebevollen Arbeit an dieser ganz besonderen Animationswelt und schafft es erneut, darin eine rührend tragikomische Geschichte kompromisslos zu erzählen.

Für alle, die mit Adam Elliots Werk nicht vertraut sind: Hier begegnen sich verschrobene Außenseiter:innen in detailverliebten Kunstwelten, bei denen auf den ersten Blick alles Kopf steht, die der unsrigen trotzdem oder gerade dadurch frappierend ähnelt. In Elliots neuestem Film geht es um Grace (gesprochen von Sarah Snook), die mit ihrem Zwillingsbruder Gilbert (gesprochen von Kodi Smit-McPhee) in diese Welt geworfen wird, aber schon ganz bald lernen muss, auf sich allein gestellt in ihr klarzukommen.

Was folgt, ist vor Traurigkeit teilweise kaum zu ertragen, immer wieder herzerweichend ehrlich, oft zum Schreien komisch und in seiner ungewöhnlichen Gänze einfach wunderschön anzusehen.

The Mastermind

Regie: Kelly Reichardt; Besuchszahlen: –

Dies ist ein Kunstraubstreifen der ganz anderen Art und gerade das ist das Sehenswerte an „The Mastermind“. Hier ist das Wie und ob der geplante Raub gelingt gar nicht unbedingt das Hauptinteresse. Das wird schon dadurch klargestellt, dass der Coup bereits recht früh im Film durchgeführt wird.

Der Familienvater J. B. Mooney (Josh O‘Connor) fackelt im ländlichen Massachusetts Anfang der 1970er Jahre gar nicht erst lange, sondern setzt seine Planungen direkt in die Tat um. Viel interessanter als die Tat selbst ist für die Regisseurin Kelly Reichardt das Warum und was ihren Protagonisten zu seinen Handlungen treibt. Darauf fokussiert sich „The Mastermind“ in der Folge überwiegend und stellt sein Publikum vor das faszinierende Mysterium, diese komplexe Figur zu entschlüsseln.

Dies tut der Film in ruhigen, kontemplativen Bildern und mit einem gewissen lakonischen Humor. Auch die ambitionierte Betitelung von J. B. Mooney ist nicht unbedingt ernst gemeint. Wer hier einen Action-Heist-Kracher á la „Heat“ erwartet, wird wohl enttäuscht. Wer sich auf eine hochwertig inszenierte Charakterstudie einlassen kann, wird an „The Mastermind“ große Freude haben. (alle Carl Lehmann)

O Agente Secreto/The Secret Agent

Regie: Kleber Mendonça Filho, Besuchszahlen: 55.353 in Deutschland laut insidekino.de

Brasilien 1977: Während der ausgelassenen Karnevalswoche reist Marcelo von São Paulo in die Küstenstadt Recife. Er hatte sich mit den falschen Leuten angelegt und befindet sich nun auf der Flucht. Obwohl er dank eines solidarischen Netzwerkes Unterschlupf im Untergrund findet, ist seine Ankunft in der Heimat nicht unbemerkt geblieben. In Recife lebt auch sein Sohn bei den Großeltern. Marcelo möchte mit ihm das Land verlassen, denn mittlerweile sind ihm die Auftragskiller unerbittlich auf den Fersen.

Kleber Mendonça Filhos aktuelles Werk ist visuell und dramaturgisch in jeder Hinsicht herausragend, entspinnt mit Geduld und Sorgfalt ein Geflecht aus Charakteren und Handlungssträngen und schafft damit einen atmosphärisch dichten tropischen Thriller, der auf verschlungenen Wegen auf sein mitreißendes Finale hinsteuert. Angesiedelt ist der Film in der Zeit der Militärdiktatur, die ein scheinbar undurchdringliches Netz aus Überwachung, Korruption, Paranoia und Gewalt übers Land gezogen hat. Doch „The Secret Agent“ hat auch heitere Momente, schafft groteske Abschweifungen, ohne dass die Handlung aus dem Takt gerät, und knüpft selbst Verbindungen in die Gegenwart. Wie in seinen vorherigen Filmen spielt das Kino auch wieder eine Rolle, als künstlerisches Mittel des Teilens und Erinnerns von Geschichten und als physischer Raum kollektiver Träume. Ein würdiger Abschied für Udo Kier, der in seiner letzten Filmrolle einen kurzen, aber markanten Auftritt hat. (Sven Pötting)

Heldin

Regie: Petra Volpe; Besuchszahlen: 424.614 in Deutschland – Platz 45 laut insidekino.de

Ein Denkmal für Pflegekräfte setzte im vergangenen Jahr Petra Volpe mit ihrem Spielfilm „Heldin“, in dem Leonie Benesch neuerlich als Hauptfigur glänzen konnte.

Floria arbeitet als Pflegerin auf einer chirurgischen Station eines Schweizer Spitals. Zu Beginn ihrer Schicht fehlt schon eine Pflegekraft, trotzdem jongliert Floria souverän zwischen den Bedürfnissen der verschiedenen Patient:innen. Doch ein Privatpatient raubt ihr den letzten Nerv und dann passiert ein gravierender Fehler.

Volpes Film nimmt nach und nach an Fahrt auf und fesselnd Zuschauende regelrecht an den Kinositz. Ein gutes Beispiel dafür, dass engagiertes Kino nicht langweilig sein muss. Der Dank unzähliger Pflegekräfte ist ihr gewiss, wobei der Pflegealltag manchmal noch viel anstrengender sei. Der gesteigerte Stress löst jedenfalls schon beim Zuschauen Unbehagen aus. Gut, dass Volpe auch Momente der Ruhe einbaut und Menschlichkeit zulässt.

Beating Hearts

Regie: Gilles Lellouche; Besuchszahlen: –

Schon zu Beginn des Jahres kam ein Kracher aus Frankreich in die Kinos, der vor allem Fans von bombastischen Soundtracks gefallen dürfte. Gilles Lellouche verfilmte Neville Thompsons Roman „L’amour ouf“ mit reichlich Songs aus den 80ern, 90ern und auch dem neuen Jahrtausend, so dass man danach gleich mehrere Ohrwürmer mit aus dem Kino nahm.

Die Geschichte changiert dabei zwischen First Love, Coming-of-Age und Gangsterfilm, denn Jackie und Clotaire lernen sich in Jugendtagen kennen, werden durch einen Gefängnisaufenthalt getrennt und sehen sich wieder, als Clotaire wieder auf freien Fuß kommt. Dann muss er sich zwischen Rachegedanken und seiner Jugendliebe entscheiden. Bild- und tongewaltige 2,5 Stunden Zeit und zwei Hauptcasts nimmt sich Gilles Lellouche für die Entwicklung seiner Geschichte und tanzt dabei manchmal auf der Klinge zum Klischee – mit einem Selbstbewusstsein, das erstaunlich ist. Hier wurde im wahrsten Sinne geklotzt statt nur gekleckert.

Sentimental Value & Therapie für Wikinger

Regie: Joachim Trier; Besuchszahlen: 174.629 in Deutschland – Platz 93 laut insidekino.de;  Regie: Anders Thomas Jensens; Besuchszahlen: 185.012 in Deutschland – Platz 92 laut insidekino.de

Zuletzt seien noch zwei skandinavische Filme empfohlen, die Ende des vergangenen Jahres in die Kinos kamen und ordentlich eingeschlagen sind – „Sentimental Value“ so sehr, dass der Film für neun Oscars nominiert ist. Bei beiden stehen Familienbande und Häuser im Vordergrund – die damit einhergehenden Brüche inbegriffen. Wer sich beeilt, kann sich davon noch im Kino ein Bild machen. (Nadine Faust)

Texte: Carl Lehmann, Sven Pötting und Nadine Faust

Foto: Amac Garbe

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