Mit „Kleopatra“, erschienen im Januar bei Hoffmann und Campe, legt Saara El-Arifi einen historischen Roman vor, der sich anfühlt wie eine sehr persönliche Erinnerung an ein Leben, das wir eigentlich nur aus Legenden kennen. Es ist kein prunkvolles Heldenepos, sondern der Versuch, Kleopatra als Mensch greifbar zu machen.
Über die Liebe zu Ägypten
Die Geschichte setzt 51 v. Chr. ein, mit dem Tod ihres Vaters. Kleopatra wird das, worauf sie seit ihrer Kindheit vorbereitet wird: Pharaonin. Sie kennt Handel, Steuern, Ackerbau, Viehzucht. Was ihr fehlt, ist Diplomatie. Und vielleicht auch das Vertrauen in sich selbst. Sie ist hartnäckig, klug, ehrgeizig, aber auch ängstlich. Immer wieder fragt sie sich, ob sie genug ist; ob ihre Liebe zu Ägypten reicht; ob sie ohne den göttlichen Beistand der Isis, der ihr zu fehlen scheint, überhaupt legitim herrschen kann.
Schon früh in ihrer Regentschaft nistet sich Verrat in ihren Palast ein. Potheinos, der stellvertretende Regent ihres minderjährigen Bruders, spinnt seine Fäden, doch Kleopatra ahnt zu diesem Zeitpunkt noch nicht, wie tief die Loyalitäten gegen sie arbeiten. Die junge Pharaonin versucht bewusst, nicht einfach den Weg ihres Vaters zu kopieren. Sie geht gegen Korruption vor, macht sich damit aber nicht nur Freunde.
Eine Regentschaft mit Verlust und Hindernissen
Besonders eindrücklich sind die Passagen, in denen Kleopatra 48 v. Chr. unerkannt durch Ägypten reist, Menschen heilt, lernt, beobachtet. Ihre Fähigkeiten sind nicht göttlich. Sie hat sie sich angelesen; erarbeitet, was ihr Spott, Gerüchte und Zweifel einbringt.
Als Julius Caesar im Palast weilt und ihr Bruder Theos plant, sie mithilfe Roms zu entmachten, spitzt sich alles zu. Der Verrat trifft besonders hart, als Kleopatra erkennt, dass auch ihre Schwester Arsinoë davon wusste. El-Arifi erzählt diese Momente leise, fast schmerzhaft nüchtern. Kleopatra handelt klug: Sie behält die Warnung für sich, weiht nur Charmion, ihre Zofe, ein und schmuggelt sich als Lehrling eines Webers in den Palast, um Caesar allein zu sprechen, während Soldaten ihres Bruders nach ihr suchen.
Es kommt zum Krieg. Arsinoë und Theos gegen Kleopatra. Kleopatra siegt, ihr Bruder stirbt. Sie bekommt ein Kind von Caesar. Doch auch hier kein triumphales Ende. Der Sohn trägt kein göttliches Zeichen. Kleopatra lügt, lässt ihn tätowieren, verstrickt sich immer tiefer in ihre eigenen Konstrukte aus Macht, Glauben und Angst.
„Jede meiner Lügen war das Glied einer Kette, die nur ich sehen konnte.“
Gottverlassene, aber berühmteste Pharaonin
Nach Caesars Tod und dem Verlust ihres Bruders bleibt Trauer und Arbeit. Kleopatra regiert weiter als Frau, die gelernt hat, dass Herrschaft oft aus Kompromissen besteht, die man allein tragen muss.
„Kleopatra“ ist historisch fundiert, aber vor allem emotional nah. Saara El-Arifi beschreibt keine unnahbare Ikone, sondern eine junge Herrscherin, die stolpert, zweifelt, kämpft und trotzdem weitermacht. Ein Roman für alle, die Geschichte nicht als starres Machtspiel lesen wollen, sondern als menschliches Ringen um Verantwortung, Angst und Selbstbehauptung.
Text: Alexandra Caspar
Foto: Amac Garbe