Literaturtipp des Monats: Da, wo ich dich sehen kann

In „Da, wo ich dich sehen kann“ erzählt Jasmin Schreiber eine Geschichte, die weh tut und genau deshalb wichtig ist. Im Mittelpunkt steht die neunjährige Maja. Ihre Mutter Emma wird von ihrem eigenen Mann ermordet. Doch dieses Buch gibt dem Täter keinen Raum. Es geht nicht um ihn. Es geht um die, die bleiben.

Die Perspektive der Hinterbliebenen

Nach dem Tod ihrer Mutter findet Maja sich in einer Welt wieder, die komplett aus den Fugen geraten ist. Sie zieht zu ihren Großeltern, verbringt viel Zeit mit Liv, der besten Freundin ihrer Mutter, und mit Livs Hündin Chloé. Liv wird für Maja ein Anker. Sie zeigt ihr die Sterne, spricht mit ihr über Astrophysik, über etwas, das größer ist als das, was gerade alles kaputtgegangen ist.

Aber Maja trägt Schuldgefühle mit sich herum. Sie weiß nicht, wie sie über ihren Vater denken soll. Lieben? Hassen? Beides? Gar nichts?

Trauer, Wut und all das dazwischen

Das Besondere an diesem Roman ist, dass er nicht nur Majas Perspektive zeigt. Auch Liv, die Eltern der Verstorbenen und andere Hinterbliebene kommen zu Wort. Alle trauern anders. Alle verlieren etwas anderes. Und genau darin liegt die Wucht des Buches. Es geht nicht nur um Trauer und Wut, sondern auch um Hoffnung, Leid, Gewalt. Um das Weiterleben nach einem Bruch, der nie wieder ganz heilt.

Jasmin Schreiber schreibt mit enormem Fingerspitzengefühl und gleichzeitig „ballert“ der Text. Gefühle kommen hoch, mit denen man nicht rechnet, und bleiben länger, als einem lieb ist. Themen wie Femizid, die Darstellung weiblichen Leids in der Unterhaltungsbranche und gesellschaftliches Wegschauen werden mitgedacht, ohne je belehrend zu sein. Die Sprache passt sich den Figuren an: mal kindlich, mal klar, mal erschöpft. Besonders eindrücklich sind die „Was wäre wenn“-Passagen, die auf schwarzen Seiten gedruckt sind. Sie tun weh. Aber sie gehören dazu.

Dass dieses Buch den 3. Platz beim LovelyBooks Community Award in der Kategorie Literatur gewonnen hat, wundert nicht. Es ist originell, mutig und tief bewegend. Ein Roman, der nicht laut sein muss, um lange nachzuhallen, und der zeigt, wie wichtig es ist, den Blick auf die Hinterbliebenen zu richten.

Text: Alexandra Caspar

Foto: Amac Garbe

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