Mit oder ohne Emoji

Was macht Künstler:innen aus? Das ist eine Frage, die sich vor allem Kunstschaffende selbst immer wieder aufs Neue stellen. Gehört es zum Künstler:indasein dazu, sich als arme Seele in verschiedenen Jobs zu verdingen, zu leiden und daraus dann nächtliche Kreativität zu schöpfen? Man mag etwa an Vincent van Gogh denken. Oder ist der Gegenpol erstrebenswert, das Nacheifern von erfolgreichen Künstler:innen, die schon zu Lebzeiten in ihrem Ruhm baden – etwa Michelangelo, Rubens mit seiner Werkstatt oder auch Gerhard Richter? Und wie gelingt der Weg dorthin?

Fragen, die sich auch der ehemalige Sprayer Leon gestellt hat. Der Diplomand aus der Klasse von Prof. Christian Sery stellt noch bis zum 7. September zusammen mit seinen 41 Kolleg:innen aus der Bildenden Kunst im Oktogon und angrenzenden Ateliers der Hochschule für Bildende Künste (HfBK) Dresden aus. Und sein „Emotional Capital“ zieht Besucher:innen an, können sie hier doch selbst Bleistift und Pinsel nutzen und ein Kunstwerk entstehen lassen. Leon hat einen Malautomat kreiert und lässt neugierige Menschen selbst in gewisser Weise Künstler:innen sein. Zur Wahl stehen neun verschiedene Emojis – „das Porträt unserer Zeit“, wie Leon es in seinem Katalog selbst beschreibt. Nach Vorzeichnung durch den Automaten und Farbauftrag durch die Neukünstler:innen vollendet das Gerät das poppige Werk. Wer das dann mitnehmen möchte, kann bezahlen – gestaffelte Preise je nach Emoji und Nachfrage.

Dass Leons Ansatz samt offensiver Selbstvermarktung nicht jeder Kollegin und jedem Kollegen schmeckt, ist verständlich. Nicht jede:r ist eine „Rampensau“, nicht jedes Kunstwerk so auffällig. Auch wenn sein Gegenüber Tom Freitag aus der gleichen Klasse sowie der Klasse Henn/Schech ebenso sehr offensiv um Aufmerksamkeit buhlt. „Sex“ prangt da in großen Lettern an der Wand und beim zweiten Hinsehen möchte man das Wort „Blümchen“ hinzufügen. Doch Freitags Werke sind nicht nur wegen ihres Inhalts delikat, wobei sie mitunter Geschlechterstereotype auf den Kopf stellen, sondern auch wegen ihrer Beschaffenheit. Freitag hat mit Blumen experimentiert und sie nun in knallbunten Farben in Epoxidharz verewigt, um sie dann mit Kreide abzudecken. Die wieder freigelegten Flächen ergeben eben das Wort „Sex“.

Tom Freitag, „Blumen Sieben“
Tom Freitag, Detail „Blumen Sieben“

Apropos Geschlechterstereotype: Die hinterfragt auch regelmäßig Josef Panda, der sich in der Diplomschau auf einer Fotografie beispielsweise als Reiterstandbild inszeniert und sich generell mit dem Problem konfrontiert sieht, was man als einzelne kunstschaffende Person ausrichten kann in einer Stadt, in der er die Elbschiffdampfer schon sinken sieht.

Josef Panda, „Beinwagen“ (vorn) und „Reiterstandbild“ (oben)

Die Auseinandersetzung mit sich selbst zieht sich durch den Ausstellungsjahrgang. Patryk Pawel Kujawa etwa hat die Arbeitswelt seiner Familie in gebrauchten Gipskartonplatten in einem Atelier verbaut. Andrea Paloczi wiederum stellt unzählige, einen Raum füllende Korrespondenzen mit Jobcenter, Krankenkasse, Studentenwerk & Co. aus, die den eingangs besprochenen „hungernden Künstler:innen“ plötzlich ein Gesicht verpasst. Und dabei weist Paloczi gleichzeitig weit über sich selbst hinaus. Ihr ursprüngliches Diplomkonzept hat sie verworfen, weil der zugewiesene Raum dafür nicht annährend geeignet ist. Er ist eben nicht das Oktogon. Und um ihre nun gezeigte Arbeit zu erkunden, braucht es Geduld und vor allem auch Willen, sie zu erschließen.

Andrea Paloczi, Detail „Goddess Kali/Durga as labor force“

Letzteres gilt auch für Lisa Liepelts Videoarbeit „Über Unwesen“, die immerhin 45 Minuten andauert. In der 2-Kanal-Installation sind zum einen Rinder auf einer Weide zu sehen, nur um wenig später Bilder aus einem Schlachthaus hinzuzuschalten. Das muss man aushalten wollen, doch wegen unseres Verhaltens ist es tägliche Realität. Dafür hat Liepelt den Preis des Freundeskreises der HfBK verliehen bekommen.

Explizit politisch ist Clara Bennewitz‘ „Reine Wäsche“. Auf einer Wäschespinne hängen neben rosa Babykleidung Klamotten mit rechtsextremen Erkennungszeichen und Texten. Ein Indiz für die Normalisierung und Verharmlosung derartiger Symbole und der damit verbundenen Ideologie, wie sie in unserem Alltag längst um sich gegriffen hat.

Clara Bennewitz, „Reine Wäsche“

Den gesalzenen Finger in diese und andere Wunden zu legen, das ist die Aufgabe von Künstler:innen. Und dafür sollten sie dementsprechend bezahlt werden. Mit oder ohne Emoji.

Text: Nadine Faust

Zum Titelfoto: Leon, „Emotional Capital“

Fotos: Matthias Pohl & Nadine Faust

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