Jede:r kennt das Gefühl, in die Sonne zu schauen. Mal abgesehen vom photischen Niesreflex wird jede Wahrnehmung vom hellen Gestirn überblendet und ein rundlicher Fleck schiebt sich auch dann, wenn man seinen Blick schon gesenkt hat, noch eine Weile vor jedes Bild. So ähnlich funktioniert auch Mascha Schilinskis zweiter Spielfilm „In die Sonne schauen“.
Was Zuschauende zu sehen bekommen, folgt keiner altbekannten Dramaturgie. Vielmehr legen sich vier historische Schichten übereinander und ergeben in der gleichzeitigen Rück- und Vorschau ein Gesamtbild, als würden Geister der Vergangenheit und Zukunft den hauptsächlich weiblichen Protagonist:innen Geheimnisse zuflüstern. Geheimnisse, die ihren Blick erstarren lassen. Mit derlei Filmstills wird nun auch der Film beworben – und allein dieser Anblick lässt einen erschaudern und gibt einem das Gefühl, sie würden einen direkt adressieren. Die vierte Wand wird durchbrochen. Unmittelbar werden wir Teil der Szenerie.
100 Jahre Geschichte auf einem Vierseitenhof
Diese Szenerie ist ein Vierseitenhof in der Altmark, auf dem Mascha Schilinski und Co-Autorin Louise Peter auch das Drehbuch geschrieben haben. Ein Ort, der Geschichte atmet – auch im Film. In den 1910er Jahren begegnen wir Alma, die fürchtet, dass sie das gleiche Schicksal ereilt wie ihre Schwester. Erika wächst in den 40ern auf und erlebt die Auswirkungen des Krieges indirekt. Die 80er sehen wir durch die Augen von Angelika und die 2020er durch Nelly.
Sie alle eint die Erfahrung von Traumata – nicht nur die großen wie Kriege und ihre Begleiterscheinungen. Schilinski und Peter wollten sich auch „in derselben Intensität den leisen inneren Beben der Figuren nähern“, wie die Regisseurin verrät. Dabei stehen Frauen im Mittelpunkt. Welche Gewalt ihnen im Laufe der Geschichte immer wieder angetan wird, wie sie behandelt werden – wie sie mitunter selbst handeln. Dinge, die zu gewissen Zeiten „normal“ erscheinen und heute so grausam klingen – wie etwa mit Mägden umgesprungen wurde.

Die Autorinnen erzählen diese Geschichten nicht wirklich aus, sondern fügen sie eben wie Collagen, wie assoziative Gemälde zusammen – wie flirrende „Sonnenbilder“, die eingangs genannte blinde Flecken haben. Flecken, die man vielleicht gar nicht sehen will. Aber ihr Vorhandensein bohrt sich in unseren Magen. Ein intensives Kinoerlebnis aus Mitteldeutschland, das bei den 78. Internationalen Filmfestspielen von Cannes mit dem Preis der Jury ausgezeichnet wurde und jetzt ins Rennen um die Oscars geht. Chapeau!
Text: Nadine Faust
Zum Foto: Alma (Hanna Heckt) in den 1910er Jahren: Für die Kinder des Hofes stecken die Rituale der Erwachsenen voller geheimnisvoller Symbole. © Fabian Gamper/Studio Zentral