Nouvelle Vague
Für die einen ist das nur eine französische Wortgruppe, für andere der Inbegriff des Independent-Kinos. Sein Aushängeschild: „Außer Atem“ von Jean-Luc Godard. Nach dessen Tod im September 2022 wollte der texanische Regisseur Richard Linklater ihm ein Denkmal setzen – und der Geburt der Nouvelle Vague.
Der junge Jean-Luc Godard will seinen Kollegen von der Filmzeitschrift Cahiers du Cinéma nacheifern und 1959 seinen ersten Spielfilm drehen. Das ursprüngliche Drehbuch von François Truffaut schreibt er um, engagiert die amerikanische Schauspielerin Jean Seberg und den noch recht unbekannten Jean-Paul Belmondo. Und dann passiert … wenig. Gedreht wird nur, wenn Godard gerade die Muse küsst, was besonders Seberg und die Geldgeber verrückt macht. Zumal er auch keinen altbekannten „Regeln“ folgt. Als Zuschauer:in dabei von außen zuzuschauen, ist jedenfalls eine wahre Freude.
Linklater schaut Godard in seiner Hommage quasi beim Dreh von „Außer Atem“ zu – und mensch fühlt sich tatsächlich in die Zeit zurückversetzt. Das Casting ist oscarverdächtig, wurde diese Kategorie doch gerade erst der Verleihung hinzugefügt. Zoey Deutch und Aubry Dullin sind ihren Figuren Seberg und Belmondo quasi wie aus dem Gesicht geschnitten und Guillaume Marbeck mimt Godard derart lässig, dass man Sebergs Verzweiflung verstehen kann. Eine Freude für alle Filmenthusiast:innen – und vor allem auch für jene, die es noch werden wollen.
Un Poeta
Einst war Oscar Restrepo ein vielversprechender junger Dichter. Überzeugt davon, dass seine Poesie nur aus Trauer und Schmerz entstehen könne, geriet er in eine Spirale der Selbstzerstörung. Als mittelalter Mann ist er nun ein desillusionierter Versager, den nicht einmal seine eigene Tochter ernst nimmt. Selbst seine Mutter hat es satt, ihn weiter durchzufüttern, und verschafft ihm einen Job an einer Schule. In Yurlardy, einer Schülerin aus einfachen Verhältnissen, sieht er ein großes, noch ungeschliffenes literarisches Talent. Seine Entdeckung verleiht ihm neuen Lebensmut und er beschließt, Yurlardys Mentor zu werden, um sie als Autorin berühmt zu machen.

„Un Poeta“ ist eine schonungslose Satire über Kunstinstitutionen und Menschen, die sie bevölkern. Doch innerhalb seiner scharfen Kritik zeichnet Regisseur Simón Mesa Soto ein ambivalentes Bild vom unglücklichen Dichter Oscar: Er zeigt seine edlen Züge, lässt aber auch seine unerträglichen Seiten nicht außen vor. Absurde Szenen, Momente der Fremdscham und des Mitgefühls wechseln sich ab. Genau diese Balance macht die vielfach prämierte Tragikomödie zu einem ausgezeichneten Film.
Texte: Nadine Faust & Sven Pötting
Aufmacherfoto: Strategisches Drehen: Jean-Luc Godard (Guilaume Marbeck) filmt klammheimlich seine Stars entlang der Champs-Élysées. © Jean Louis Fernandez