Kunst und Garten als Gesellschaftsmodell

Die Ausstellung „Unseren Garten bestellen“ bringt noch bis zum 22. Februar 2026 allerlei künstlerische Botanik in die Dresdner Motorenhalle.

Die Motorenhalle Dresden hatte sich im Spätherbst in ein ungewöhnliches Gewächshaus verwandelt. Bereits im Eingangsbereich genähte Pflanzenteile hängen dschungelartig von der Decke und bewuchern den Boden. Hier durchdringen Kunst, Diskurs und gärtnerische Praxis in jedem Winkel einander. Die Ausstellung „Unseren Garten bestellen“ begreift den Garten als kulturelles Urbild, politisches Versuchsfeld und soziales Labor – und macht ihn ganz konkret zum gemeinschaftlichen Projekt.

Grundsätzlich ist „der Garten“ eine der ältesten und langlebigsten Kulturmetaphern der Menschheit: vom biblischen Eden über persische Paradiesgärten und barocke Parkanlagen bis zu neuzeitlichen Kleingärten und urbanen Gemeinschaftsflächen. An diese Traditionen anknüpfend, stellt die inhaltlich dichte und sinnlich ansprechende Ausstellung vor allem eine Frage: Was bedeutet „Garten“ heute – ökologisch, sozial, ästhetisch?

Eine Gartenschau für die Friedrichstadt

Die Motorenhalle wird dabei zum „Gartenhaus im umgekehrten Sinne“: als Winterquartier für Pflanzen, Ideen und künstlerische Setzungen. Über die Ausstellungsmonate hinweg entstanden Konzepte, Pflanzarrangements und künstlerische Interventionen, von denen einige sogar ab dem Frühjahr in eine reale Grünfläche übergehen sollen, indem eine bislang versiegelte Brachfläche hinter der Halle mit Freiwilligen in einen öffentlich zugänglichen Garten verwandelt werden soll. Das Projekt trägt programmatisch den Namen „FrieGa – Friedrichstädter Gartenschau“, eine bewusst niedrigschwellige und nachhaltige Alternative zu großformatigen Gartenschauen, wie sie in Dresden aktuell auch in Planung sind.

Die Ausstellung selbst ist weniger klassische Kunstschau als vielmehr ein Prozessraum. Echte Pflanzen aus Privatwohnungen überwintern hier, gerettete Gewächse treffen auf Leihgaben und Fundstücke. Der Ansatz der echten Pflanzenschau in zeittypischen Hochbeeten ist vor allem ein erzählerischer: Jede Pflanze bringt eine Geschichte mit – von kolonialen Pflanzentransfers bis zur heutigen Frage nach klimaresilienter, pflegeextensiver Stadtbegrünung.

Ein künstlerischer Rahmen

Die Kunstwerke bilden gewissermaßen die „Umfriedung“ dieses Gartens – sie strukturieren, kommentieren und verdichten das Thema. Rund 40 internationale Künstler:innen sind beteiligt, darunter Positionen aus Deutschland, Tschechien, der Ukraine, Kroatien, Israel, Schweden, Spanien und der Schweiz. Die künstlerischen Arbeiten reichen von Malerei, Fotografie und Skulptur bis zu Video, Installation und Sound.

In vielen Werken dient das Garten- bzw. Pflanzenmotiv als Metapher für gesellschaftliche Ordnungen, Machtverhältnisse oder Verletzlichkeit. So verwandelt die tschechische Künstlerin Veronika Richterová recycelte PET-Flaschen in filigrane Pflanzenskulpturen und verbindet ökologische Kritik mit poetischen Formen.

Ausgehend von persönlichen Erinnerungsfragmenten übersetzt die Dresdner Künstlerin Franziska Rist Objekte in neue Materialität. So begegnen uns an verschiedenen Stellen Spargelspitzen und Erdbeeren aus Blei oder Marmeladengläser als glasierte Porzellanabgüsse, letztere als Reminiszenz an eine kulturenübergreifende, meist familiäre Praxis der Fürsorge und zugleich Zeichen des Konservierens als ein Nachhaltigkeitsinstrument.

Kunst und Natur im Stadtraum

Die ukrainische Künstlerin Terra Neidorf setzt in ihrer Videoarbeit Blumen in Beziehung zu Kriegserfahrungen: Zarte Pflänzchen werden zu Stellvertretern ziviler Existenzen im Schatten von Gewalt. Der Dresdner Künstler Moritz Liebig steuert des Deutschen liebstes (Klein-)Garten-Deko-Objekt bei: Gartenzwerge – als ironische wie melancholische Kommentare zum bürgerlichen Gartenidyll. Außerdem gestaltete er einen organisch anmutenden, zugleich grotesk wie faszinierend aussehenden Brunnen als räumliches Herzstück inmitten des bepflanzten „Kreuzgangs“ in der Motorenhalle.

Ein ausgesprochen vielschichtiges, internationales Videoprogramm, kuratiert von Videocity, erweitert den Blick auf urbane Natur, Landschaftsbilder und ökologische Narrative – etwa das äußerst sinnliche „Brainfood“ des spanischen Kollektivs „Food Cultura“. QR-Codes liefern Hintergrundinformationen zu Werken, Pflanzen und Konzepten. Die Grenzen zwischen Ausstellung, Bildungsraum und sozialem Treffpunkt sind bewusst durchlässig. Am 21. Februar um 16 Uhr führt Kurator Frank Eckhardt letztmalig durch die Ausstellung.

Das Projekt versteht sich auch als kulturpolitischer Impuls: Fragen nach nachhaltiger Stadtentwicklung sowie konkrete Ideen für bürgerschaftliches Engagement und den Wert gemeinschaftlich genutzter Räume stehen im Raum – ebenso wie die Kritik an Kürzungen im kulturellen und zivilgesellschaftlichen Bereich. „Unseren Garten bestellen“ ist damit sowohl poetische Denkfigur als auch konkrete Handlungsanleitung. Die Motorenhalle wird zum temporären Treibhaus für ein langfristiges Vorhaben: Kunst und urbane Gartenkultur sollen in den Stadtraum hineinwachsen.

Zu sehen noch Mittwoch bis Freitag von 15 bis 19 Uhr, Samstag und Sonntag 14 bis 18 Uhr.

Text & Fotos: Susanne Magister

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