Schattentriptychon von Thulani Chauke (Entwicklung für die Jahresausstellung der Puppentheatersammlung)

Schatten der Gesellschaft

Die Uhr tickt. Im September waren die drei Ausstellungen zu Ehren des südafrikanischen Künstlers William Kentridge eröffnet worden, am kommenden Wochenende läuft nun die zweite von ihnen aus.

Es begann mit einer Kunstprozession durch Dresden. William Kentridge selbst, das Johannesburger Centre for the Less Good Idea, die Banda Comunale, die Hochschule für Bildende Künste Dresden, Singasylum und verschiedene Institutionen der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden waren an diesem lauen Freitagabend Anfang September 2025 zusammengekommen, um mit vielen Kunstinteressierten etwa 1,5 Stunden durch die Dresdner Altstadt zu ziehen.

Eine Demonstration für die Kunst

Als aktuelle Reflektion auf den Dresdner Fürstenzug als Zeichen des Triumphs und der Macht wurde die Performance mitunter auch als Demonstration wahrgenommen. Wofür oder wogegen man denn sei, wurde am Rande des Zuges gefragt. Dabei wurde viel gesungen und getanzt, aber es gab auch Transparente und Fahnen. „The Centre for the Less Good Idea“ stand da oder auch „Echo Echo“, was direkt auf die drei Ausstellungsteile unter dem gemeinsamen Namen „Listen to the Echo“ hinwies – eigentlich vier, wenn man die ausgelaufene Ausstellung im Museum Folkwang in Essen hinzuzählt.

Ein wahres Echo hallte bis Anfang Januar auch durch den ersten Stock des Albertinums, wo Kentridges Videoarbeiten „Oh to Believe in Another World“ und „More Sweetly Play the Dance“ auf sieben Leinwänden den Raum bestimmten und ihr Echo in den Kartons des Dresdner Fürstenzuges fanden. Der südafrikanische Künstler greift den Triumphzug auf und kehrt ihn in einen Akt der Selbstermächtigung um, in dem nicht nur die Schönen, die Reichen und die Mächtigen triumphieren, sondern jeder Mensch.

Abrechnung mit dem Apartheidregime

Kentridges Eltern waren Rechtsanwälte, die sich früher für die Rechte der Schwarzen Bevölkerung während des Apartheidregimes einsetzten, u. a. für Nelson Mandela. So setzte sich der Künstler seit seiner Kindheit mit den Ungerechtigkeiten der südafrikanischen Gesellschaft auseinander, bald auch darüber hinaus. Er beschäftigt sich mit dem Raubbau an der Natur, schließlich wurde Johannesburg aufgrund des größten Goldvorkommens der Welt gegründet. Kolonialismus und verschiedene Gesellschaftsentwürfe sind sein Thema, aber auch Selbstermächtigung und Utopien.

Im Kupferstich-Kabinett im Residenzschloss sind noch bis zum 15. Februar vornehmlich Zeichnungen und Druckgrafiken Kentridges zu sehen – im Dialog mit Albrecht Dürer und anderen großen Meister:innen. Die gesellschaftlichen Herausforderungen Südafrikas stehen dabei im Vordergrund, aber auch das Thema des Triumphzuges und der Prozession tauchen hier wieder auf, hatte Kentridge 2016 in Rom an der Uferbefestigung des Tibers doch das Wandbild „Triumphs and Laments“ umgesetzt, das hier als Reproduktion zu sehen ist. Tipp: Unbedingt auch den Umweg ins Studiolo machen!

Puppen und Schatten

In der Puppentheatersammlung im Kraftwerk Mitte sind bis zum 28. Juni hingegen Dioramen und Schattenspiele in Kombination mit Stücken aus der Dresdner Sammlung zu sehen. Verantwortlich zeichnete hier vor allem das „Centre for the Less Good Idea“, wodurch Menschen noch mehr Gelegenheit haben, sich mit Themen auseinanderzusetzen, die sonst wenig Raum in unserer Gesellschaft bekommen.

Wer sich darüber hinaus mit Kentridge und seiner Gedankenwelt beschäftigen möchte, kann beispielsweise die Dresdner Lecture auf YouTube nachschauen oder die dokumentarische Miniserie „Self-Portrait as a Coffee-Pot“ auf Mubi. Der begleitende Katalog kostet 38 Euro. Am Freitag und Samstag wird die Videoarbeit „Oh to Believe in Another World“, die sich mit Dmitri Schostakowitschs 10. Sinfonie auseinandersetzt, zusammen mit der Dresdner Philharmonie im Kulturpalast aufgeführt. Für beide Termine gibt es Restkarten.

Text: Nadine Faust

Zum Foto: Schattentriptychon von Thulani Chauke (Entwicklung für die Jahresausstellung der Puppentheatersammlung) © The Centre for the Less Good Idea, Foto: Zivanai Matangi

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